Rollenspiel ist reggae
Aus RSCT94
Seit einiger Zeit entsendet unser allseits geliebter Rollenspielclub ja mehr oder weniger regelmäßig einige Delegierte zu den quer über ganz Deutschland verteilten Conventions. Nürnberg, Hannover, ja sogar Augsburg gehörten in den letzten Monaten zu den Orten, an denen sich einige wackere Tornescher in den letzten Monaten aufhielten, um sich an den Angeboten der lokalen Rollenspielszene zu erfreuen. Natürlich war auch die "Odyssee" des Berliner Vereins Nexus e.V. in unserem Kalender dick markiert, hatten wir doch im vergangenen Jahr dort sehr viel Spaß gehabt. Aus Termingründen waren es in diesem Jahr zwar nur Walter und ich, die den Weg in unseren Bundeshauptstadt wagten - aber besagten Spaß hatten wir trotzdem. Werfen wir doch einen genaueren Blick auf einige prägnante Ereignisse dieses Wochenendes.
Freitag, den 27.8.04. Irgendwann gegen Nachmittag.
Walter und ich stehen schwer bepackt mit unseren Rucksäcken in einem Hamburger Einkaufszentrum. Dort wollen wir unsere neuen orangefarbenen Shirts abholen, die wir mit dem Spruch "rollenspiel ist reaggae" haben bedrucken lassen - die Hintergrundgeschichte dazu gibt's auf Anfrage. Der Verkäufer guckt uns an, zieht eine Augenbraue hoch: "Oh. Ihr seht aus, als wolltet ihr gleich irgendwo hinfahren und die Shirts dort anziehen. Dann bekommt ihr sie 5 Euro günstiger... den Rest könnt ihr dann versaufen."
Guter Laden. Kann ich weiter empfehlen. Auch wenn wir an diesem Wochenende gar nicht gesoffen haben.
Es ist einige Stunden später, kurz vor halb Acht abend. Mit Bahn, U-Bahn und Bus (in dieser Reihenfolge) sind wir irgendwie nach Berlin-Steglitz gekommen, wo im HdJ "Albert Schweitzer" die Odyssee stattfindet. Den Eintritt (5,- Euro) müssen wir als angemeldete Spielleiter natürlich nicht entrichten, so dass wir erst einmal das Gebäude und die anwesenden Leute in Augenschein nehmen können. Hierzu läßt sich zusammenfassend sagen: Alles beim alten geblieben - nach wie vor ausreichend Platz für etliche Spielrunden, die Turnhalle zum Übernachten... und all das bevölkert von einer bunten Schar Rollenspieler, darunter etliche PrO-Leute und natürlich die Jungs von Disaster Macchine Productions, die einen Verkaufsstand aufgebaut haben. Ein wenig schade ist, dass Christian Noack, bei dem ich im letzten Jahr "Call of Cthulhu" gespielt hatte, kurzfristig krank absagen mußte, aber auch so ist das Angebot an Spielmöglichkeiten groß: Immerhin 75 Runden (zum weitaus größten Teil eher unbekannte Systeme) sind vorab angemeldet worden. Dass es sich hierbei - ganz Odyssee-typisch - um größtenteils unbekanntere Systeme handelt, versteht sich von selbst.
Die Convention eröffnet mit einer kurzen Filmvorstellung zum Thema "Was ist eigentlich Rollenspiel?". Dieser etwa 20minütige Streifen von André Wiesler stellt das Rollenspiel an sich kurz vor und erläutert anhand von Spielszenen die wichtigsten Grundbegriffe. Sicherlich nett gemacht und für absolute Neulinge gut geeignet - allerdings hätte die Werbung für Andrés eigenes System "LolanD" ein klein wenig dezenter sein können.
Kurze Zeit später finde ich mich in einer Runde "Ork!" wieder. Dieses Abenteuer wird von Nils Maleika gemeistert und trägt den Titel "Ihr holen mir Knusprigköpfe, sonst ihr Hauptgang!". Der eine oder andere ahnt es sicherlich schon: In diesem System spielen wir... Orks. Unsere Aufgabe ist es, uns durch mutige Taten einen Orknamen zu verdienen und so in die Gemeinschaft der erwachsenen Orks aufgenommen zu werden. Leider erfüllt das Abenteuer meines Erachtens nicht die Erwartungen, sondern artet aus in ein recht stumpfes "Wir latschen ins Nachbardorf und slayen die armen Goblins dort". Der eine oder andere mag daran seinen Gefallen finden, mein Fall ist es allerdings nicht. So bin ich dann auch nicht sehr betrübt, als mein Charakter nach gut drei Stunden das Zeitliche segnet. Den Rest des Abends verbringe ich mit Smalltalk, bevor es irgendwann in der Nacht in den Schlafsack geht.
Es ist Nacht. Ein anderer Con-Besucher, den ich besser namentlich nicht nenne, schnarcht, als sterbe er jeden Moment. Ich bin mir sicher, dass man diese unmenschlichen Laute auch zwei Häuser weiter noch hören kann. Immer wieder stehe ich auf und rüttelte Joost (Ups...) wach, aber das bringt auch nur eine temporäre Verbesserung. Irgendwann schlafe ich dann doch ein - Stunden später als geplant.
Der nächste Morgen. Die "rollenspiel ist reggae"-Shirts werden angezogen. Walter und ich beschließen, nach dem Frühstück den ersten Spielrundenblock ausfallen zu lassen und uns wie im letzen Jahr erst einmal Berlin anzusehen. Die nächsten Stunden klappern wir nacheinander den Potsdamer Platz, den Reichstag und das Bundeskanzleramt ab. Ich komme mir irgendwie wie ein Tourist vor.
In der Nähe des Lehrter Bahnhofs hat irgend jemand eine Beachvolleyballfläche aufgebaut. Passend dazu gibt es einige Stände, an denen man Cocktails ordern kann. Wir sind zwar die einzigen Besucher weit und breit, aber die Cocktails schmecken trotzdem.
Gegen 14:30 Uhr kehren wir ins HdJ zurück. Walter heute nachmittag "Landscype of lees" meistern. Ich beschließe spontan, ins nicht allzu weit entfernte Olympiastadion zu fahren und mir dort das Spiel zwischen Hertha BSC und Mainz 05 anzusehen.
Ich ernte einige böse Blicke, als ich im Hertha-Fanblock für Mainz jubele. Noch größer ist mein Jubel, als auf der Anzeigetafel das Tor zum 3:2 für den HSV gegen Nürnberg durchgegeben wird. Ansonsten ernte ich verstörte Blick für mein Shirt, dessen Bedeutung scheinbar niemand im weiten Rund des Stadions klar zu werden scheint. Ansonsten ein eher mäßiges Spiel.
Zurück im HdJ. Die große Versteigerung steht an. Irgend jemand hat der Orga gesteckt, dass ich an diesem Tag Geburtstag habe und so werde ich auf die Bühne gerufen. Gut 150 Leute singen für mich "Happy Birthday". Ein ganz großer Moment, denn ich darf danach anschließend gute 2 Stunden die Lose für die Tombola ziehen. Aus Rache schmeiße ich Walters Losnummer dreimal in den Topf zurück.
Robert, Walter und ich suchen einen vierten Mann für eine gepflegte Tichu-Runde. Leider finden wir keinen, so dass wir die Karten enttäuscht wieder einpacken müssen.
Mitternacht. Die von mir geleitete Runde "Der letzte Exodus" steht an. Hierfür bekomme ich einen Tisch oben auf der Bühne, wo ich damit anfange, die Boxen und das sonstige Equipment aufzubauen. Relativ schnell finden sich 5 Spieler und los geht's.
Sechs Stunden später ist das Abenteuer beendet. Nach einem Start, der für mich ein wenig verwirrend war ("Wieso gehen die nicht auf diese deutlichen Hinweise ein?"), legen die Helden richtig los und bieten ausgezeichnetes Rollenspiel. Der eine oder andere scheint wirklich mit seiner Rolle zu verwachsen und häufig brauche ich mich einfach nur zurücklehnen, um dann die Diskussionen der Charaktere untereinander zu verfolgen. Insgesamt kommen die musikalische Heldenauswahl und das schrittweise Aufdecken der Heldenidentitäten sehr gut an. Ein wenig frustrierend - für mich als Meister - ist dann allerdings, dass die Gruppe für die Übersetzung des mühevoll ausgearbeiteten lateinischen Hinweises nicht einmal das bereit gehaltene Lexikon benötigt. Lateinstudenten sind Spielverderber!
Wieder im Schlafsack. Wider das vertraute Schnarchen einige Meter neben mir. Heute Nacht gibt es noch Tote. Zwischendurch gebe ich Joost einen Tritt, daraufhin ist er ganze zwei Minuten ruhig. Diese reichen mir zum Einschlafen.
In aller Herrgottsfrühe stehe ich auf. Für das Frühstück bin ich dennoch zu spät dran. Da ich noch reichlich müde bin, beschließe ich, auf eine anstrengende Runde zu verzichten und melde mich für InSpectres an. Walter stößt wenige Minuten später zu unserer Runde, da die von ihm ins Auge gefaßten Systeme beide aufgrund von Spielermangel ausfallen.
Wir sind mitten im Spiel und haben jede Menge Spaß. InSpectres verleitet einfach dazu, sich möglichst wilde Geschichten auszudenken... und genau das machen wir auch. Nach etwa 3 ½ Stunden haben wir zwei Aufträge erledigt und beenden die Runde. Zwischendurch koste ich noch vom legendären Feuertopf, der mit ein wenig extra Chilipulver noch ein wenig pikanter gemacht wird.
Etwa anderthalb Stunden bis zum offiziellen Ende der Odyssee. Ich packe schon einmal zusammen, lese noch die letzten Seiten von "Hyperion" und warte auf Walter, der noch mit einem Kartenspiel beschäftigt ist. Zurück müssen wir nicht mit der Bahn fahren, da Björn und Joost (Ja, den Namen habt ihr schon einmal gelesen...) mit dem Auto nach Hamburg zurück fahren und darin noch Platz für uns ist.
Früher als erwartet kommen wir wieder in Tornesch an, es ist gegen 21.00 Uhr. Ich lasse mir heißes Wasser für ein Schaumbad ein und freue mich auf einen kleinen Abschlußdrink für dieses Wochenende. Bunt ist das Leben... und granatenstark.
Fazit
Ja, die Odyssee 2004 ist schon wieder vorbei. Was bleibt festzuhalten? In erster Linie muß ich trotz des nicht ganz so guten Starts am Freitag sagen, dass es mir wieder sehr viel Spaß gemacht hat. Wie immer war es kein Problem, in einer der zahlreichen Runden unterzukommen und dabei einen ganzen Stapel an neuen Systemen kennenzulernen... wenn man denn will. Auf der anderen Seite bietet Berlin aber auch ein großes Spektrum an interessanten Möglichkeiten für ein alternatives Rahmenprogramm, wenn man einmal nicht so viel Lust auf die üblichen Con-Veranstaltungen hat. Ein großes Lob gebührt auf jeden Fall Tobias Krug und der restlichen Orga, die wieder einmal für einen - zumindest aus meiner Sicht - reibungslosen Ablauf gesorgt haben. Positiv hervorheben kann ich außerdem die Jungs von Disaster Machine Productions, die mit ihren Systemen (InSpectres und Der letzte Exodus) sehr präsent waren und wohl auch einiges an den Mann gebracht haben.
Alles in allem: Die jährliche Odyssee ist und bleibt eine meiner Lieblings-Conventions... man sieht sich im nächsten Jahr wieder!
Sven
