RWE macht Betriebsausflug
Aus RSCT94
Wir schreiben den September 2004. Mehr als vier Jahre, nachdem "der Sperber das erste Mal sein Nest verlassen" hatte, machte sich eine wackere Schar mutiger Streiter wieder einmal auf, um aus dem beschaulichen Tornesch den weiten Weg nach Dortmund anzutreten. Dort fand wie in den Vorjahren auch die von Fanpro organisierte "Rat Con" statt. Neben mir hatten noch Walter, Mirko, Carsten, Mirco und Olli Zeit und Lust, die Convention unsicher zu machen. Doch die erste Hürde sollte uns bald erwarten:
"RWE macht Betriebsausflug"
So oder so ähnlich lautete die Betreffzeile von Walters e-Mail, einen Tag nachdem er die Bahntickets nach Dortmund besorgen wollte. Was das mit unserer Fahrt nach Dortmund zu tun hat? Nun, ganz einfach: Dadurch, dass an besagtem Anreisetag auf einmal gut 1.500 Leute in Nordrhein-Westfalen mit der Bahn unterwegs waren, waren natürlich alle normalen Züge schon Wochen im Voraus ausgebucht. Glücklicherweise hatte Walter auch gleich die Lösung für dieses Problem parat: Wir fahren mit dem ICE nach Dortmund, was zwar etwas teurer, dafür aber auch schneller geht. Demzufolge brachen wir auch erst um 15.00 Uhr in Tornesch auf, um über Altona nach Dortmund zu kommen. Während der Fahrt vertrieben wir uns die Zeit mit einer kleinen Session "Risus". Wer dieses System nicht kennt, dem sei gesagt, dass es auf der Darstellung von Klischees beruht... und vielleicht deswegen gerade immer sehr witzig ist. So verging die Zeit auch recht schnell, während unsere Charaktere damit beschäftigt waren, ein "versehentlich" (im Suff) geklautes Bild außer Landes zu schaffen.
Gegen 18.15 Uhr erreichten wir dann Dortmund, wo sich uns ein altvertraute Anblick bot. Nach wie vor fand die Rat Con im Fritz-Henßler-Haus direkt in der Nähe der Dortmunder Innenstadt statt, so dass wir uns auf keine neue Örtlichkeit einlassen mußten. Rollenspieler sind nun einmal Gewohnheitstiere. Etwa um 18:30 Uhr durchschritten wir dann die geheiligten Pforten des Gebäudes und die Convention konnte nun auch für uns offiziell beginnen.
Tag 1: Freitag, der 10. September 2004
Wie bereits erwähnt, bot sich uns im Fritz-Henßler-Haus wieder einmal ein gewohntes Bild. Jeder Händler, jeder Stand, ja sogar das Glücksrad hatten den ihre angestammten Plätze eingenommen, so dass man sich nicht erst neu orientieren mußte. Wie immer war die Turnhalle im Untergeschoss bereits so überfüllt, dass wir unsere Sachen direkt gegenüber der Kellertreppe abstellten - inzwischen auch so etwas wie eine "gute alte Tradition", nehmen wir diesen Platz doch seit einigen Jahren in Beschlag. Schnell fiel mir dann auf, das sich zwei weitere Dinge ebenfalls nicht verändert hatten: Wie zuletzt gab es kein Programmheft, so dass man auf die zahlreichen Aushänge angewiesen war, wenn man einen bestimmten Workshop oder ein Programm besuchen wollte. Dies kann man ja noch verschmerzen, ärgerlicher finde ich allerdings eine andere Sache: Die Organisation der Spielrunden war wieder einmal... hmmm... laßt es mich so ausdrücken: Unvorteilhaft gelöst. Kleine Infozettel kündigten alle vorangemeldeten Runden an... dafür eintragen konnte man sich allerdings erst, wenn der Spielleiter zum Infotisch gegangen und sich einen Rundenaushang besorgt hatte. Hatte sich auf diesem die entsprechende Anzahl an Spielern namentlich vermerkt, dann mußte der Spielleiter diese einsammeln und wiederum zum Infostand latschen, um sich einen Tisch geben zu lassen... wenn denn einer frei war. Dieses System führte leider dazu, dass im Vergleich zu anderen Conventions nur vergleichsweise wenige Spielrunden ausgehängt waren und die Spieler längere Zeit vor dem schwarzen Brett herumlungern mußten, um Spielleiter und eventuellen Tisch nicht zu verpassen. Besser lief es nur für die Runden, die eigene Aushänge hatten oder ein anderes System verwendeten, wie z.B. die LodLanD-Runden oder die Gruppen für das MPA. Zu letzterem komme ich noch einmal an späterer Stelle.
Ein kurzer Blick auf besagtes schwarze Brett genügte um mir zu zeigen, dass momentan kein Platz in einer Runde mehr frei war. Da die Anmeldefrist für das MPA ebenfalls bereits abgelaufen war, guckten Mirco und ich noch kurz bei einem Workshop zum neuen Hardcover "Zoo-Botanica Aventurica" hinein, stellten aber relativ schnell fest, dass dieser nicht sehr interessant war. Wenig später versammelten wir uns erst einmal und beschlossen, in die Innenstadt zu gehen, um dort bei Pizza Hut unser traditionelles Eröffnungsmahl einzunehmen.
Anderthalb Stunden später: Wir haben zwei Wagenrad-Pizzen samt Getränken verdrückt und sind zu der Erkenntnis gekommen, dass Shadowrun-Spieler, die in einem öffentlichen Restaurant mit Plastikpistolen hantieren, extrem peinlich sind.
Zurück im Fritz-Henßler-Haus guckte ich mir danach erst einmal die letzte Ausscheidungs-Runde im "Drachengedächtnis"-Quiz an. Hierbei handelte es sich um eine auf D.S.A. umgemünzte Version von "Wer wird Millionär?", bei der ich das eine oder andere Mal doch staunen mußte, was manche Leute über Aventurien alles wissen. Die besten vier dieser Vorrunde qualifizierten sich dann für das Finale am Samstag, an welchem auch die 12 Besten der Vorausscheidungen aus Hamburg (NordCon), Hannover (H!spielt) und Bonn (FeenCon) teilnahmen. Nachdem diese Vorrunde beendet war und ich - wen wundert's? - am Rundenaushang erneut nichts passendes gefunden hatte, beschlossen Mirco, Walter und ich, noch einmal die Stadt aufzusuchen, um dort einige Cocktails zu trinken - ebenfalls eine nette Tradition, die wir natürlich nicht sterben lassen wollten.
Aber manchmal, da kommt es anders, als man denkt...
Wir landeten also im C.U., bestellten dort unsere Cocktails... und dann tat sich erst einmal eine ganze Weile lang nichts. Nada. Niente. Nothing. Der Barkeeper mußte seinen Job an diesem Abend ganz alleine machen, obwohl der Laden sehr gut besucht war. So kam es dann auch, dass unsere Drinks erst langsam nach und nach eintrudelten. Meinen Mai Tai bekam ich nach gut einer Stunde und 15 Minuten. Zwar war der Drink sehr lecker und ich mußte ihn dann letzten Endes auch nicht bezahlen, aber ein wenig schneller hätte es dann doch gehen können. So kam es dann, dass wir erst gegen 1.00 Uhr in der Nacht zum Con-Gelände zurück kamen. Wenig später endete dann für uns dieser erste Tag. Ich schnappte mir meinen Schlafsack und stiefelte mit den anderen in den Kinosaal, wo wir unsere Sachen ausbreiten und relativ ruhig schlafen konnten.
Tag 2: Fußball & Housing
Der zweite Tag dieser Convention begann für mich kurz nach 9.00 Uhr morgens, als es im Kinosaal langsam ein wenig lauter wurde, weil sich nämlich die Zuschauer für den ersten Workshop dort einfanden. Verschlafen stellte ich mich erst einmal unter die Dusche und dann in die lange Schlange der Leute, die alle für das MPA würfeln wollten. Wie in jedem Jahr konnte man sich hierfür nämlich nicht einfach eintragen, sondern mußte mit 3 W20 würfeln. Die niedrigsten 36 Ergebnisse waren dabei. Olli hatte Glück und erhaschte einen der begehrten Plätze, während ich mit meiner 31 weit davon entfernt war... wenn auch nicht ganz so weit wie Carsten mit seiner 56. (Anmerkung von Carsten: Das war Mirco; ich hatte die 52.)
Um 10.00 Uhr stand dann der traditionelle Auftritt Hadmar von Wiesers im Kinosaal an - ein alljährlicher Pflichttermin. Vor gut 450 Leuten erzählte der gute Hadmar in der gewohnt witzigen Weise etwas zum Thema "Götter, Engel, Drachen, Internetverschwörungen: Genres und Welten" / Teil V der "Hadmars Elemente des Rollenspiels"-Serie mit Krasch dem Barbaren und dem unfehlbaren Masterplan". Ein durchaus beeindruckender Titel, allerdings hatte ich teilweise das Gefühl, als wären die Auftritte der letzten Jahre witziger gewesen. Gemeinsam mit Walter und Mirko ging es danach für mich in die Stadt, wo wir uns erst einmal etwas leckeres zu Essen suchten und selbiges auch fanden.
Zurück auf der Rat Con: Kurz wurden die Spielrunden gecheckt - wieder nichts gefunden. Ich setzte mich also übergangsweise zur gemeinsamen Lesung bzw. Diskussion von Hadmar von Wieser, Bernhard Hennen, Karl-Heinz Witzko und Tom Finn zum Thema "Gezeitenwelt". Durchaus witzig waren dabei die Textpassagen, die Karl-Heinz ("Karli") aus seinem bald erscheinenden Buch vorlas, das wohl ähnlich skurril wird wie seine bisherigen Romane.
Es war nun etwa 15:15 Uhr und was macht man um diese Zeit an einem Samstag? Richtig: Fußball gucken! Also machten Walter, Mirko und ich uns auf in einen nahe gelegenen Pub, vor dem ein großes Schild auf das Premiere-Programm hinwies. Leider wurde statt der Live-Konferenz das Dortmund-Spiel gezeigt, aber wir hatten - es gab übrigens zwei große Cider für jeden - trotzdem unseren Spaß.
Mirko und ich hatten anschließend das Finale des Drachengedächtnis-Quizzes auf unserem Terminplan. Dieses lief ein wenig anders ab als die Vorrunden und dauerte gut zwei Stunden, bis dann ein verdienter Sieger feststand. Ein großes Lob gebührt auch den Alveranianern, welche das Quiz durch einige witzige Einlage (Werbepausen) auflockerten und dafür tosenden Applaus bekamen.
Es war nun also bereits nach 20 Uhr und wir machten uns erneut auf die Suche nach einer Spielrunde. Von Walter wurde ich dann auf einen jungen krawattierten Herrn namens Daniel Weyer aufmerksam gemacht, der "SLA Industries" meistern wollte. Natürlich meldete ich mich bei dieser Runde an, kurze Zeit später schlossen sich Mirko und Mirco sowie zwei andere Spieler meinem Beispiel an und ich konnte endlich meine erste Spielrunde auf dieser Convention erleben.
Walters Empfehlung "Spiel da mal mit, der Meister hat was drauf." kann ich im Rückblick nur bestätigen. Wir spielten in einer entfernten Zukunft auf einem Planeten, der im Grunde genommen nur aus einer einzigen Stadt mit mehreren Milliarden Einwohnern bestand, von denen gute 85 % arbeitslos waren. Wir teilten dieses Schicksal nicht, sondern schlüpften in die Rolle sogenannter "Operatives", vergleichbar etwa mit Spezialagenten im Auftrag eines großen Konzerns. Besonders interessant fand ich dabei die besondere Verrohung und Hoffnungslosigkeit des gesamten Settings, die meinen Charakter zu dem Ausspruch bewegte: "Und welche Rolle spielen wir in dieser verfickten Maschinerie? Alles, was mich am Leben hält sind meine Träume... und es sind Träume von rohem menschlichem Fleisch und zersplitterten Knochen, die mein Herz erwärmen".
Irgendwie... verstörend.
Im Auftrag des "Department auf Housing" hatten wir dafür zu sorgen, dass ein verfallenes Gebäude rechtzeitig zur Sprengung geräumt wird - was aber einige der Bewohner nicht so recht einsehen wollten. Der alte Bibliothekar im Dachgeschoß ließ sich ja wenigstens durch massiven psychischen Druck, verbunden mit einer Runde "Tollschocken samt fröhlichem Bücher zerfetzen", umstimmen. Ein anderer Bewohner (Ein älterer Operative) erwies sich da schon als hartnäckiger und zog in aller Seelenruhe seine Schutzpanzerung an, um zur Arbeit zu gehen. Daraufhin entwickelte sich folgender "Dialog".
Jay: SIR! Ich muß sie darauf hinweisen, dass sie sich durch ihr fehlendes Einlenken für die Variante b = "Blutiges Massaker" entschieden haben. Das wollen sie nicht wirklich, oder, SIR? Bewohner: ... Jay: SIR! Was sie da gerade machen, das muß ich als aggressiven Akt werten, gegen den ich mich wehren darf! Bewohner: ?!? Jay: SIR! LASSEN SIE SOFORT IHRE WAFFE FALLEN!!! AHHH! ICH WERDE ANGEGRIFFEN! Bewohner: ?!?!?!?!?!
BAMMBAMMBAMM!
Wir mußten danach übrigens eine Weile suchen, bevor wir eine Waffe fanden, die wir ihm in die Hand drücken konnten. Letzten Endes lag der besondere Reiz dieses Abenteuers darin, dass wir nie so genau sagen konnten, ob wir jetzt eigentlich auf der Seite der guten oder der bösen Jungs standen. Sicherlich hatten wir einen expliziten Auftrag, doch konnten wir uns so etwas wie moralische Bedenken überhaupt erlauben? Ein klein wenig verstört beendeten wir unsere Runde gegen 3.00 Uhr nachts. Ein großes Lob geht in jedem Fall an unseren Meister, der auch sichtlich seinen Spaß an dieser Runde hatte.
Ich setzte mich dann zusammen mit Mirco noch eine Weile in den großen Kinosaal, um mir einen Teil von "Piraten der Karibik" anzusehen, doch irgendwann wurde ich dann müde und legte mich in irgend einen Kellerflur zum Schlafen.
Tag 3: Auf ins Gjalskerland
An diesem Morgen wurde ich gegen 9.15 Uhr wach, als Mirko sich neben mir aus seinem Schlafsack schälte, um am Würfeln für das heutige MPA ("Mammuts, Moore, lichte Höhen") teilzunehmen. Freundlicherweise würfelte er dabei gleich für mich mit und erzielte mit einer 22 auch ein hervorragendes Ergebnis. Etwas unverhofft war damit mein Jäger auf einmal beim MPA dabei. Nach dieser freudigen Nachricht blieben mir noch einige Minuten zum Duschen und Zähneputzen, die ich bis auf die letzte Sekunde auch ausnutzte.
Zugeteilt wurde ich der Gruppe um Peter "Pete" Hitzke, dem zweitältesten der Alveraniare. Pete kann man sicherlich als sehr guten Meister bezeichnen und so entwickelte sich in den nächsten Stunden ein nettes Abenteuer. Gelenkt von einem Stern verschlug es unsere Charaktere ins Gjalkskerland, wo wir für den Ort Darthaech Messergras besorgen mußten. Dieses benötigte man für die alljährlichen Wettspiele benötigte, in denen der stärkste Gjalskerländer ermittelt werden sollte. Wir reisten also durch das wilde und urwüchsige Land und mußten uns dabei gegen einige Riesenalken wehren, die uns mit Steinen bewarfen. An unserem Zielort, dem Bluttal, angekommen, konstruierte unser Zwerg eine abenteuerliche Konstruktion zum Transport des scharfen Messergrases. Dieses konnten wir allerdings erst ernten, nachdem wir eine große Fläche davon unter Wasser gesetzt hatten. Nachdem wir dann das Messergras an den Ort des Turniers gebracht hatten und damit eine Kampffläche abgerenzt wurde, war der Auftrag für unsere Helden auch schon erledigt. Wir Spieler schlüpften dann in die Rolle eines Gjalskerländers, der "unser" Dorf in dem Turnier vertrat. Praktisch lief dies so ab, dass jeder von uns den Charakter in einem der sechs Wettkämpfe führte, in denen verschiedene Proben z.B. zum Baumstammwerfen oder Steintragen abgelegt wurde. De facto war dieser Wettkampf ein etwa anderthalbstündiges "Kampfwürfeln", welches durch die wilden Anfeuerungsrufe der anderen Gruppenmitglieder zu einer spaßigen Angelegenheit wurde.
Abschließend gab es für unsere Helden noch eine nette Belohnung in Form von Abenteuerpunkten, ein kleines Andenken und die Erkenntnis, dass die andernorts als Barbaren angesehenen Thorwaler eigentlich nur Weicheier im Vergleich zu den Gjalksern sind. Obwohl unser Meister sehr gut geleitet hat, lasse ich das Abenteuer eher in die Kategorie "War nichts besonderes" fallen.
Gegen 18.00 Uhr brachen wir dann unsere sprichwörtlichen Zelte ab, schauten noch kurz bei McDonald's herein und setzten uns dann in die Bahn zurück gen Heimat. Fast hätten wir in Elmshorn unseren Zug nach Tornesch verpaßt, aber irgendwie kamen wir um 22.00 Uhr dann doch nach Hause.
Fazit:
Eines vorweg: Die Rat Con ist sicherlich nicht meine Lieblingsveranstaltung, dazu wiegen die Probleme bei der Spielrundensuche einfach zu schwer. Allerdings ist Dortmund immer wieder einen Trip wert und mit ein wenig Glück kommt auch nie Langeweile auf. Die Chancen stehen also verdammt gut, dass ich im nächsten Jahr meine fünfte Rat Con erleben werde.
Sven
