Nurd X

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10. - 11. Juli 2004
Nurd X


Nurd X? Was'n das, mag sich der schlecht informierte Leser vielleicht fragen. Nun, ich möchte ihn nicht länger als nötig in diesem Zustand der geistigen Unwissenheit lassen: 'Nurd' ist die Abkürzung für 'Nürnbergs ultimatives Rollenspiel Desaster' und somit eine Convention. Aber wer nun dahinter eine stinknormale Veranstaltung vermutet, der irrt sich. Nurd ist mehr als nur ein weiterer Con - Nurd ist anders. Warum das so ist, werdet ihr hoffentlich in diesem kleinen Text erfahren, der als eine Art Erfahrungsbericht konzipiert ist, frei nach dem Motto: "Haha! Ich war da und ihr nicht - und ihr habt was verpaßt!"

Fangen wir also von vorne an. Es mag dem einen oder anderen ja schon seltsam erscheinen, dass ein Rollenspieler aus dem hohen Norden extra ins schöne Frankenland fährt, um zu einer Convention zu reisen. Nun, nach Walters Erzählungen vom letzten Jahr stellte sich für mich eigentlich nie die Frage "Fährst du jetzt mit oder nicht?". Zeit und Lust waren da, also packte ich am Freitag, den 9. Juli 2003 kurz nach der Arbeit meine Sachen (ein paar Klamotten, Zahnbürste und natürlich Würfel, Bleistifte und Radiergummi) und machte mich auf den Weg zum Tornescher Bahnhof. Von dort ging es erst nach Altona, wo Walter bereits wartete. Gegen 13.45 stiegen wir dann in den ICE in Richtung Nürnberg.

Die Fahrt verlief ohne Zwischenfälle und so erreichten wir gute 4 Stunden und 20 Minuten später den Nürnberger Hauptbahnhof. Wer behauptet, in Süddeutschland gäbe es schöneres Wetter als bei uns, der täuscht sich: Natürlich regnete es, wie könnte es auch anders sein. Wir kämpften uns also unseren Weg zur ersten Zwischenstation, nämlich Daphnes Wohnung. Diese hatte sich freundlicherweise bereit erklärt, uns und einen weiteren Rollenspieler (Drachi) für die Zeit der Convention unterzubringen und auch noch zu bewirten.

Genannte Daphne (die im echten Leben übrigens Kirsten heißt) erwartete uns bereits zusammen mit ihrem Freund Umbra. Bereits als uns die Tür geöffnet wurde, erhellten sich unsere Mienen: War das nicht der Geruch eines leckeren Essens, der uns da entgegen kam? Er war es und so konnten wir uns an diesem Abend so richtig schön den Bauch voll schlagen.

Das Essen war jedoch nicht die einzige positive Überraschung, denn auch der Ausblick auf eine gemütliche Schlafcouch samt Kissen und Decke sorgten für gute Stimmung. Endlich einmal eine Convention, bei der man sich nicht zwischen Dutzenden anderen Rollenspielern in einem Schlafsack auf dem Boden mehr schlecht als recht die Nacht um die Ohren schlägt. Wir unterhielten uns an diesem Abend noch recht nett, spielten ein wenig Karten und gingen dann irgendwann recht spät ins Bett.

Der nächste Morgen begann dort, wo der Abend aufgehört hatte. Nach einem guten Frühstück (Ich staunte erneut: "Was'n geiler Service...") ging es zum 'Kulturladen Nord', wo der Nurd stattfand. Wie man aus der Überschrift dieses Berichtes erkennen kann, handelte es sich bereits um die zehnte Veranstaltung dieses Namens, doch zum ersten Male hatte man die Location gewechselt. Hier, in der Wurzelbauer Straße 24 (Wurzelbauer... hihi...) fanden wir ein Gebäude mit insgesamt drei Räumen für Spielrunden vor und ein kleines Außengelände, auf dem ebenfalls einige Tische aufgebaut waren. Da es gottseidank an diesem Samstag nur kurz regnete, konnte man diese auch tatsächlich nutzen.

Wir betraten also das Gelände, bekamen nach Entrichtung eines Wegzolls an ein paar Buschräub... hm... Kassierer einen Stempel 'Erledigt' auf den Handrücken und konnten uns dann ins Abenteuer stürzen. Bei einer ersten Inspektion des Gebäudes fiel neben der Tatsache, dass die Tische allesamt recht eng gequetscht waren, vor allem die professionelle Rundenorga ins Auge. Gleich hinter dem Eingang stand ein Flipchart, in dem jeder Meister seine Runde und die dafür vorgesehene Uhrzeit eintragen konnte. Um einen freien Tisch hatte er sich vorher selbst zu kümmern. Die Spieler mußten dann einfach nur zu dem Tisch gehen und hoffen, dass noch ein Platz für sie frei war. Sicherlich für größere Cons absolut ungeeignet, funktionierte dieses System auf dem Nurd... irgendwie. Fragt nicht näher nach.

Als erstes verschlug es mich in eine Runde 'Teenagers from outer Space', welches von Umbra geleitet wurde. Dieses System als skurril zu bezeichnen, wäre wohl ein wenig untertrieben. Zum Hintergrund: Aliens bevölkern inzwischen die Erde und finden unseren Planeten und dessen Bewohner verdammt cool. Warum? Nun, besagte Aliens konnten zwar durch das Weltall fliegen, aber eines konnten sie vorher nicht: Parties feiern. Aus diesem Grund halten sie die Menschen - egal wie dämlich sie auch sein mögen - für verdammt coole Wesen und eifern ihnen alles nach. Wir schlüpften in die Rolle einiger Menschen und Aliens, um gemeinsam ein verrücktes Abenteuer zu entdecken. Ich spielte Weird Alvin, ein Alien im Hawaiihemd mit vier Armen, drei Beinen und Flügeln auf dem Rücken. Neben mir waren noch Daphne als katzenartiges Mädel, Walter mit seinem menschlichen Streber Clarence ("Klappe, Clarence!") und Rich dabei. Er spielte ein fürchterlich böses Gänseblümchen auf einem Glibberhaufen - und wenn ich sage 'fürchterlich böse', dann meine ich das auch so. Unser Gänseblümchen trug zwar den passenden Namen 'Blümchen', war ansonsten aber der übelste Schläger unserer Klasse.

Klasse? Ach ja, das hätte ich fast vergessen: Wir spielten natürlich alle Teenager, wie es der Titel des Spiels fast schon vermuten läßt. Mit von der Partie war außerdem noch ein Bekannter von Kirsten, der allerdings keinen Charakter führte, sondern in die Rolle so gut wie aller NSCs schlüpfte. Dies tat er so überzeugend und humorvoll, dass wir teilweise aus dem Lachen überhaupt nicht mehr heraus kamen.

Ein paar Worte zum Inhalt: Die coolste Veranstaltung der Universums überhaupt, der "Miss Universum Wet T-Shirt-Contest" fand ausgerechnet in unserem kleinen Heimatort statt. Teilnahmebedingungen: Auch Aliens durften teilnehmen, wenn sie zumindest ein brustähnliches Körperteil besaßen, über das sich ein nasses Shirt stülpen ließ. Diese Voraussetzung erfüllte Daphnes Charakter ebenso wie unser Blümchen und so nahmen wir an dem Wettbewerb teil, um eventuell den ersten Preis absahnen zu können. Dabei gerieten wir natürlich einigen Schurken auf die Spur, die den Wettbewerb mittels einiger Boy-/Girl-Umwandlungskanonen durcheinander wirbelten und die Siegerin - aus alter Tradition sozusagen - umlegen wollten. Wir hatten einige Stunden Spaß, u.a. mit dem debilen Pudel Suso als Alien-Zwischenmalzeit, einem waghalsigen Luftgitarren-Duell oder der Erkenntnis, dass Clarences geliftete Oma ebenfalls an dem Wet-T-Shirt-Contest teilnehmen wollte.

Das Ende des Abenteuers bekam ich leider nicht mehr mit, da ich tatsächlich so mutig gewesen war, mich für das alljährlich stattfindende Nurd-LIVE-Rollenspiel einzutragen. Viel hatte ich bisher über die vergangenen Abenteuer gehört; von armen Spielern, die in der Fußgängerzone als Gevatter Tod oder in Müllsäcken verkleidet herumirren mußten bis hin zu grausamsten "Wir lernen Pokémon-Karten auswenig"-Folterungen. In diesem Jahr hatte sich die SL für uns etwas ganz besonderes ausgedacht: Wir bildeten zwei Reinigungstrupps, die den Auftrag hatten, vor einem Rockkonzert den naheliegenden Stadtpark von seltsamen Verschmutzungen zu reinigen. Es stellte sich schnell heraus, dass diese Verschmutzungen keineswegs natürlichen Ursprungs waren, sondern seltsame Dinge vor sich gingen. Neben dem verseuchtem Wasser wurde das Gelände mit der Zeit immer wieder von Erdbeben heimgesucht, bevor dann sogar die seltsamsten Gestalten durch die Gegend irrten. Vielleicht war es ja ausgleichende Gerechtigkeit, dass meine Gruppe - nachdem wir den Professor (einen NSC mit wichtigen Hinweisen) niedergeknüppelt und gekidnappt hatten - durch einen Zombieangriff erheblich dezimiert wurde. Aber der Hälfte des Abenteuers mußten wir dann mit der anderen Gruppe zusammenarbeiten - jetzt ging es nicht mehr darum, welcher Trupp besser abschnitt, nein, wir mußten Nürnberg und vielleicht die ganze Welt vor dem Untergang bewahren.

Besonderes Highlight am Rande: Da wir als Reinigungstrupp natürlich stilecht mit Gummihandschuhen (siehe Bild ganz oben), Müllbeuteln etc. durch die Gegend liefen, wurden wir doch tatsächlich von einer älteren Dame gefragt, ob wir "so Jugendliche seien, die Arbeitsstunden ableisten müssen". Unser Spielleiter versuchte ihr dann zu vermitteln, was wir hier wirklich vorhatten... vermutlich wäre es einfacher gewesen, mit einem einfachen "Ja, wir erfüllen hier eine Bewährungsauflage." zu antworten.

Letzten Endes und nach etlichen zurückgelegten Kilometern (viele davon im Laufschritt von einem Ort zum nächsten hetzend) fanden wir dann heraus, dass jemand das Unfaßbare gewagt hatte: Er hatte alle 9 bisherigen Plots für die Nurd-Live-Abenteuer an einem Ort zusammengebracht - ein Frevel sondergleichen, der dafür sorgte, dass Elemente aus diesen Abenteuern wahr wurden und durch den Park geisterten, darunter so illustre Gäste wie der Tod und Konsorten. Gegen Mitternacht hatten wir dann das Rätsel gelöst und durften mit ansehen, wie sich der gesamte Stadtpark als Ufo entpuppte, welches gen Himmel flog und nichts als ein großes Loch hinterließ. Naja, dann sind die Nürnberger eben um einen schicken Badesee reicher. Insgesamt ein sehr nettes Abenteuer, welches leider gegen Ende ein wenig darunter litt, dass einige Spieler(innen) ein wenig fertig waren und zu quengeln anfingen...

Zurück im Kulturladen Nord wurde erst einmal mit Geburtstagskind Robert ein Bier geleert. Eigentlich hatten wir uns dann mit einigen Leuten noch zu einer Runde "Unknown Armies" zusammengesetzt, doch leider mußten mehrere Spieler nach kurzer Zeit aus diversen Gründen schon wieder nach hause. Da wir keine Ersatzspieler finden konnten, endete das vielversprechende Abenteuer bereits nach einer halben Stunde und wir gingen wieder zu Kirsten. Gegen 4.00 fielen wir dann in die weichen Betten.

Der nächste Morgen kam und mit ihm ein Gefühl, welches für eine Convention eigentlich ungewohnt ist: Wir hatten wirklich gut geschlafen und waren fit für den Sonntag. Erst einmal wurde jetzt das Frühstück verzehrt. Erwähnte ich bereits, dass Kirstens Service an diesem Wochenende wirklich klasse war? Ja, tatsächlich? Nun, man kann es nicht oft genug loben. Aber weiter im Text: Gegen 11.30 Uhr waren wir wieder im Nurd-Gebäude. Während Walter in einem "Captain Future"-Abenteuer landete, hatte ich eigentlich geplant, eine Runde Cthulhu zu spielen. Da an dem genannten Tisch allerdings eine Gruppe um Darko Andreas Gerlach saß, die "Deadlands: Hell on Earth" spielen wollte, wurde ich kurzerhand eingespannt.

Die Entscheidung, an dieser Runde teilzunehmen, stellte sich schon bald als goldrichtige Entscheidung heraus. Nicht nur das Szenario (Endzeit a la Mad Max mit Fantasy-Elementen) erwies sich als äußerst interessant, auch die Mitspieler waren allesamt recht angenehme Gesellen, mit denen man sowohl ernstes als auch witziges Rollenspiel betreiben konnte. Herausheben möchte ich aber besonders unseren Meister, der durch seine sehr phantasievollen und ausführlichen Beschreibungen für eine wirklich eindringliche Atmosphäre sorgte.

Und was passierte in diesem Abenteuer? Durch einen Sandsturm und einige Gerüchte landete unser Trupp mitten in der Wüste in einer längst aufgegebenen Militärbasis. Schnell fanden wir heraus, dass diese etwas überstürzt verlassen worden war, da etliche tote Soldaten überall verstreut herumlagen. So ganz nebenbei mußten wir uns mit einigen dafür um so lebendigeren Cyborgs herumschlagen, die uns als Eindringlinge erkannten und in die ewigen Jagdgründe schicken wollten. So etwas passiert eben, wenn man in Orten herumschnüffelt, die man besser nicht betreten sollte. Einige dieser Cyborgs waren von bösen Dämonen beseelt, die nur darauf warteten, freigelassen zu werden ? diesen Gefallen taten wir ihnen allerdings nicht.

Wohl lange im Gedächtnis bleiben wird mir wohl die Szene, die man am besten wohl als 'absolutes Inferno' bezeichnen könnte. Einer unserer Kameraden war in einen mit Raketen bewaffnetes Fahrzeug geklettert, dessen K.I. er dadurch aktivierte und die ihn aufforderte, die Eindringlinge (uns) zu vernichten. Bevor der Autopilot übernehmen konnte, jagte unser Mann daher alle vorhandenen Raketen in die mittlerweile geschlossene und aus Panzerstahl bestehende Eingangstür des Komplexes. Dass er sich von dieser nur ein paar Meter entfernt befand, merkte er leider erst, als die Raketen schon unterwegs waren.

KABOOOOOM!

Die Eingangshalle war also nur noch ein brennender Haufen Trümmer, das Kampffahrzeug war durch die Explosion mehrere Meter durch die Luft geschleudert worden, aber wie durch ein Wunder überlebten wir das Chaos irgendwie. Die grandiosen Beschreibungen unseres Meisters sorgten jedoch dafür, dass wir alle einen mehrminütigen Lachkrampf hatten, der fast ebenso viele Opfer gefordert hätte.

Bald tüftelten wir den Plan aus, uns bei einem der noch funktionstüchtigen Anwerbungsandroiden (ein nerviger Typ mit dem Namen 'Johnny Loyal') für den Dienst in der Armee anzumelden, damit wir nicht mehr als Eindringlinge erkannt wurden. Einer unserer Spieler war bei dem nachfolgenden Ausbildungsprogramm allerdings etwas unvorsichtigt - vielleicht hätte er der Aufforderung "Bitte kommen sie nun mit in die Einschläferungskammer." nicht folgen sollen. Das Ergebnis: Er wurden getötet und in einen Kampfcyborg umgebaut. Von diesem Schicksal erlösten wir ihn, sackten noch schnell alles nur irgendwie verwertbare ein, sprengten die Anlage in die Luft und machten uns dann vom Acker. Alles in allem ein wirklich gutes Abenteuer, welches sehr viel Spaß gemacht hat.

Es war nunmehr 18.00 Uhr und die Abschlußveranstaltung stand an. Auf dieser wurden dann die berühmten Nurd-Preise in Form von total unsinnigen Medaillien vergeben. Bei der Vergabe des Preises für das Live-Abenteuer zog ich beim finalen Schnick-Schnack-Schnuck-Ausscheidungs-Kontest den kürzeren, so dass ich ohne Medaille nach Hause gehen mußte.. oder durfte, je nachdem, wie man das sieht. Definitiv weniger Glück hatte der Spieler, der sich bei den Medaillenvergaben durch einige Selbstnominierungen in den Vordergrund gedrängt hatte und dafür mit dem Hauptpreis des Wochenende ausgezeichnet wurde - einer kiloschweren und potthäßlichen Skulptur aus Metall. Ein wirklich grausliger Gegenstand.

Da die Zeit etwas eng wurde, machten wir uns direkt nach der Preisverleihung auf. Schnell wurden noch unsere Sachen bei Kirsten abgeholt, wir verabschiedeten uns noch schnell von unseren Gastgebern und fanden uns kurze Zeit später auch schon im ICE in Richtung Hamburg wieder. Kurz vor 1.00 Uhr nachts kamen wir nach einem kurzen Zwischenstopp bei McDonald's am Dammtor wohlbehalten an dem Ort wieder an, an dem unsere Reise am Freitag begonnen hatte.

Ihr wollt noch ein Fazit?

Gut, könnt ihr haben: Nurd ist Nurd. Nurd ist anders. Nurd ist in Nürnberg. Und vor allem: Es lohnt sich, da mal hinzufahren, auch wenn die Anreise vielleicht ein wenig weiter ist. Uns das sage ich nicht nur wegen der vorzuüglichen Unterbrinung (Erwähnte ich die bereits?), sondern vor allem wegen der witzigen Runden, die man in dieser geballten Form auf anderen Conventions vielleicht nicht findet.

Sven

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