Haarmanns Erbe

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Der Name des Kerls war unwichtig. Namen sind Schall und Rauch.

Er hatte kein nettes Gesicht, aber das war in diesem Moment eher nebensächlich. Starr betrachtete er den zuckenden Leib, der sich vor ihm auf der speckigen Matratze wand. Ein kleiner Junge, höchstens sechs oder sieben Jahre alt, gekleidet in ein mittlerweile blutverschmiertes Kleidchen, welches vielleicht einmal rosa war. Ob es einmal einem kleinen Mädchen gehörte, mit Blumen im Haar, welches über eine Frühlingswiese tollte?

Die Zeiten änderten sich. Nicht immer zum besseren.

Über dem Jungen: Dieses Monstrum, das Gesicht hinter einer bizarren Gasmaske nicht zu erkennen – nur dunkles Leder und zwei riesige glotzende Augen hinter den Sichtgläsern, wie zwei Fenster direkt in die Hölle. Als er ein Messer zückte, schrie der Knabe nicht einmal, denn er war mit Drogen vollgepumpt. Er spürte auch den Schmerz nicht mehr, als die kalte Klinge in seinen Leib glitt und Fleisch und Sehnen durchtrennte. Ein ersticktes Röcheln war das letzte, was er dieser Welt mitzuteilen hatte.

Dass diese Drecksbälger auch immer so unhöflich sein müssen.

Lächelnd beugte er sich über das tote Fleisch. Was dann geschah, vermag der menschliche Geist nicht mehr zu erfassen. Zumindest derjenige, der noch nicht verloren ist.

Dies ist wirklich keine gute Welt.

Du ahnst von alledem nichts. Du befindest dich im Vorzimmer eines Notars, von dem du vor einigen Tagen ein Schreiben erhalten hast. Von ‚Nachlaßverwaltung‘ und ‚Erbenermittlung‘ war da die Rede. Jeder sollte einen ‚Urgroßvater Fritz‘ haben, den er nie kannte, der einem aber trotzdem einen dicken Batzen Geld vermacht, schießt es dir durch den Kopf. Gespannt blickst du in die Runde der hier wartenden Männer und Frauen. Ihre gierigen Blicke verraten es: Scheinbar sind sie aus dem selben Grunde hier. Das macht sie wohl zu entfernten Verwandten, aber das ist dir scheißegal. Dir geht es um die Kohle und du weißt, dass es ihnen nicht anders geht. Eine große glückliche Familie...

Aber irgend etwas stimmt mit diesen Leuten nicht. Du weißt nur noch nicht genau, was es ist...



Fritz Haarmann, der "Werwolf von Hannover" ging als einer der perversesten Massenmörder aller Zeiten in die deutsche Kriminalgeschichte ein. Mehr über ihn gibt es bei Wikipedia. Bekannt ist auch der Film "Der Totmacher" mit einem grandiosen Götz George in der Rolle seines Lebens.

In einem kranken Gehirn entstehen manchmal ebenso kranke Ideen. Diesen Gedanken weise ich natürlich weit von mir, denn der Einleitungstext, den ihr gerade gelesen habt, gehörte zu einem Rollenspiel-Abenteuer, welches ich Mitte Februar 2007 im Stadtwerkehaus leitete. Die Runde diente dabei gleichzeitig als Einführung in das - wie ich finde - sehr gute System Unknown Armies, welches wir damit das allererste Mal im Stadtwerkehaus spielten. Als Hintergrund hatte ich mir dabei eine Geschichte ausgedacht, bei der die Charaktere feststellten, dass sie ausgerechnet die letzten lebenden Verwandten von Fritz Haarmann sind, der in den 20er Jahren als Werwolf von Hannover zu trauriger Berühmtheit gelangte, indem er 27 Jungen und junge Männer auf bestialische Art umbrachte. Als ich las, dass dessen letzte Worte vor der Hinrichtung ein lapidares "Auf Wiedersehen, meine Herren" gewesen sein sollen, war die Grundidee des Abenteuers geboren: Wie wäre es, wenn Haarmanns Geist zurück kehren und genau dort weiter machen würde, wo er unterbrochen wurde? Wie würden Menschen von heute damit umgehen, wenn sie erfahren, dass in ihren Adern das selbe Blut fließt wie das dieser menschlichen Bestie? Und vor allem: Wie würden diese Menschen miteinander umgehen, wenn das Erbe in ihnen so stark wäre, dass sie selbst nur einen Schritt vor dem Abgrund zum Wahnsinn stehen?

Verpackt habe ich diese Grundgedanken in eine Live-Sequenz, bei der u.a. Klein-Daniel als Haarmanns Manifestation in Erscheinung trat. Ob ihm das Tragen von Gasmaske, Mantel und Hut gefallen hat, vermag ich nicht zu sagen. Ich hoffe nicht...

Dass die Welt von Unknown Armies wirklich kein schöner und fröhlicher Ort ist, zeigte das Ende des Abenteuers. Kein Happy End, keine versöhnlichen Szenen - zwei der Charaktere hauchten ihr Leben in einer Lache aus eigenem Blut auf einem naßkalten Parkplatz aus, während die anderen beiden die Flucht ergriffen, um wenigstens ihr Leben zu retten. Jeder ist sich schließlich selbst der nächste.

Wer Angst hat ist schwach.
Aber er überlebt.

Sven

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