Die etwas andere Convention in Berlin
Aus RSCT94
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Bericht von Sven - Bericht von Mirco - Bericht von Mona - Bericht von Walter |
Zum ersten Male entsendete in diesem Jahr der von uns allen hochgeschätzte RSCT 94 eine kleine Delegation von auserwählten Mitgliedern in unsere Hauptstadt Berlin, wo wie alle Jahre wieder der Odysee Con seine Pforten öffnete. Ziel dieses Cons ist es, kleineren Systemen eine Plattform zu bieten, sich einer breiten Spielerschaft zu präsentieren und diesen Spielern dabei gleichzeitig ein Wochenende voller Spiel, Spaß und Schoko... äh, Feuertopf zu bieten. Da ich zu den Außerwählten gehörte, von denen man in Zukunft wohl nur noch als "Die Erhabenen" sprechen wird, möchte ich euch einen kleinen Eindruck von diesen drei Tagen bieten. Der geneigte Leser wird beim Aufbau dieses Berichts sicherlich einige Parallelen zu Walters Rat-Con-Zusammenfassung 2002 erkennen - doch gut geklaut ist besser als schlecht selbst fabriziert.
So here we go:
Freitag
14:55. Es klingelt an der Tür. Gut: Das müssen Mona und Walter sein, die mich abholen wollten. Schlecht: Sie sind zu früh dran und ich sitze gerade auf der Toilette. Naja, was nicht tötet, härtet ab. Wir steigen in Walters Edelkarosse, sammeln auf dem Weg noch Mirco ein und machen uns auf dem langen Weg nach Berlin.
16:12. Wir haben uns total verfahren und gurken irgendwo östlich von Hamburg durch die Einöde. Ärgerlich, wenn man die falsche Autobahn erwischt und sich dann auf einmal in Trittau wiederfindet. Kann aber passieren.
19:48. Wir sind endlich in Berlin angekommen. Die Anfahrtsbeschreibung erweist sich zunächst als korrekt, doch irgendwann nach dem "Bierpinsel" - der in unseren kranken Gehirnen übrigens mittlerweile Kultstatus erreicht hat - verlieren wir die Orientierung. Nach dem verkorksten Versuch, Einheimische nach dem Weg zu fragen ("Waas? Du suchan Straß? Dann du mussen dort zuruck und links und rechts und garadaaus.") kommen wir doch noch wohlbehalten im HdJ "Albert Schweitzer" an und werden dort mit einem fröhlichen "Hey, die Hamburger kommen!" begrüßt.
20:30. Die ersten Schritte im Con Gebäude. Spielräume und Übernachtungsmöglichkeiten wissen allesamt zu gefallen, ebenso die meines Erachtens sehr gute Organistion der Spielrunden. Viele Runden haben schon begonnen, aber irgendwie werden Mona, Mirco und ich noch in eine Runde Chiadamooyr geschleust, deren Meisterin Pia Hufschlag gerade zufällig vorbeikommt. Schnell noch den immervollen Con-Becher erworben und das Abenteuer kann beginnen...
Samstag
02:20. Unsere erste Runde ist beendet. Auch wenn einige Namen und Bezeichnungen verdammt abgedreht (will heißen: unaussprechlich) sind, ist Chiadamooyr ein recht angenehmes System. Wir spielen ein Detektivabenteuer in einer High Fantasy Welt, welches in einem kurzes Feuerwaffengefecht endet. Monas Charakter wird dabei getötet, dies tut der Stimmung jedoch keinen Abbruch.
02:38. Wir suchen unsere Schlafplätze auf. Ich stelle fest, dass es gute 10 Minuten dauert, meine nigelnagelneue Luftmatratze mit einem kleinen Blasebalg aufzupusten. Ob der Lärm wohl jemanden beim Schlafen gestört hat? Als ich fertig bin, ernte ich von den Anwesenden tosenden Applaus. Die Welt ist schön.
06:15. Ich wache auf. Eigentlich habe ich echt gut geschlafen, nur irgendjemand hat wohl die ganze Zeit ein lautes Schnarchen von sich gegeben. Mein erster Verdacht fällt spontan auf Mona, nur ist diese bereits aufgestanden. Ich döse noch ein wenig vor mich dahin. Gegen 08:00 Uhr quäle auch ich mich aus dem Schlafsack und dusche erst einmal kalt zum Wachwerden.
09.00. Wir frühstücken. Eine gute Idee, für die 10 €, die wir für die Übernachtung berappen mussten, auch gleich ein Frühstück auszugeben. Mit Nutella- und Salami-Brötchen im Magen lässt sich der Tag doch gleich viel entspannter angehen.
10:15. In der Eingangshalle werden einige Systeme des Projektes Odyssee vorgestellt. Walter moderiert dabei und erledigt diese hochverantwortungsvolle Aufgabe zur allgemeinen Zufriedenheit. Jedenfalls werden keine Eier und faules Obst nach ihm geworfen. Vermutlich, weil derartig gesunde Dinge nicht ins Gepäch des üblichen Con-Besuchers zählen.
11.00. Die Vorstellung ist beendet und wir beschließen allesamt, den nächsten Rollenspiel-Block ausfallen zu lassen und uns die Stadt Berlin einmal anzusehen. Mit Bus und Bahn geht es zunächst in Richtung Potsdamer Platz, wo die Kuppel an Sony Center wirklich sehenswert ist. Weiter geht's durch die Arkaden und dann wieder mit der U-Bahn in Richtung Brandenburger Tor.
12:34. Auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor findet irgend eine seltsame Veranstaltung statt - Weltbettag oder so ähnlich. Während einige Fanatiker auf einer Bühne Gebete sprechen, knien Hunderte von Menschen davor und lauschen in stiller Andacht. Von einen plötzlichen Bedürfnis gepackt, lasse ich mich auf die Knie sinken und rufe laut, den Blick gen Himmel gewandt: "EIN WUNDER! EIN WUNDER! GOTT HAT ZU MIR GESPROCHEN!" Ich ernte Blicke, als wollten die Leute mich entweder lynchen oder in den Heiligenstatus erheben. Mona, Walter und Mirco ziehen mich gewaltsam weg. Schade.
13:33. Wir sind einmal über die Straße "Unter den Linden" marschiert, bis uns der Weg zum Alexanderplatz doch zu weit wurde und wir den Bus genommen hatten. Weil Walter und ich im Gegensatz zu Mona und Mirco noch Sitzplätze bekamen, wagte ich den scherzhaften Ausspruch "Wir alten Männer müssen ja sitzen, nicht das Jungvolk." Ein alte Frau beginnt daraufhin zu erzählen, wie schrecklich doch alles 1945 gewesen sei und dass die Jugend es damals wirklich schlecht hatte. Wir können uns kaum halten, als sie Mirco wirklich "mein Kleiner" nennt.
13:47. Die Suche nach einem Pizza Hut oder ähnlichem ist auch auf dem Alex vergeblich gewesen. Stattdessen speisen wir fürstlich bei Burger King. In der Not frisst der Teufel eben... hmm... Hamburger.
14:28. Scheiße. Wie hieß die Bushaltestelle noch einmal, an der wir auf der Hinfahrt eingestiegen sind? Wir stehen auf jeden Fall am Bahnhof Steglitz, reichlich mit Obst vom Gemüse-Hökerer eingedeckt und wissen nicht, wo wir eigentlich hinmüssen. Walter legt einen glücklichen Orientierungs-Wurf hin und leitet uns dennoch irgendwie in die richtige Richtung. Danke, Walter.
16:02. Eine weitere Vorstellung von unabhängigen Systemen, darunter auch "Blaue Mappe". Walter beweist, dass er auch ohne großartige Powerpoint-Präsentationen, Handouts und so einen Quatsch durchaus unterhaltsam sein kann. Besonders die Donut-Form unserer Welt scheint die Zuhörenden zu faszinieren. Leider meldet sich für die von Walter angebotene Blaue-Mappe-Runde nur ein einziger Spieler, so dass diese ausfällt. Vielleicht sollten wir uns ja doch einmal einen richtigen Titel für unser Rollenspiel ausdenken, da dieser - auch nach Meinung der anderen PrO-Mitarbeiter - nicht so der Bringer ist. Walter landet daraufhin in der Annor-Runde, in der auch Mona untergekommen ist. Mirco und ich spielen bei Robert Pfaff "Inspectres".
19:34. Unsere Inspectres-Runde ist vorbei. Ein Wort: Wow. Das Spielsystem, welches zur Spiele-Messe in Essen vom Verlag "Disaster Maschine Productions" herausgebracht werden soll, besticht durch seine Einfachheit und einen besonderen Clou: Bei gut gewürfelten Proben darf der Spieler selbst das Abenteuer weitererzählen. Dies sorgt dafür, dass die Geschichte sich quasi von selbst erzählt und sich kreative Leute voll austoben konnten. Wir spielten einen Trupp Geisterjäger, der in seinem ersten Auftrag das Verschwinden einer New Yorker U-Bahn aufklärt und den Endgegner, einen bösen Zombie mittels eines Tipp-Exx-Wurfes (fragt besser nicht...) besiegt. Strange, aber wirklich sehr unterhaltsam. Da das Abenteuer früher als gedacht beendet ist, stellt uns der Spielleiter noch das vom selben Verlag herausgebrachte Spiel "Der letzte Exodus" vor. Ich bin fast geneigt, mir für 32 € ein Regelwerk zu kaufen, entscheide mich aber dafür, besser erst einmal die Runde am Sonntag mitzuspielen. Eine gute Entscheidung, wie sich später herausstellt...
20:02. Mirco und ich wollen uns den Rollenspiel-Dokumentarfilm ansehen. Leider bekommen wir zu erfahren, dass dieser aufgrund einiger technischer Probleme erst um 21:00 anfängt. Zusammen ziehen wir deshalb los, um in einer nahegelegenen Kneipe die Fußballergebisse dieses Spieltages zu erfahren. Wir landen in einer echten Berliner Kaschemme, in der wir dann zu leckeren Getränken die Tagesschau gucken. Bremen hat gewonnen und wir machen uns mit enttäuschten Gesichtern zurück zum Con-Gebäude, um Walter die frohe Botschaft zu überbringen.
21:00. Pünktlich zu Filmvorführung sind wir wieder da. Leider müssen wir erfahren, dass der Film bereits um 20:40 gestartet wurde und bekommen somit nur die letzten 2 Minuten mit. Laut Aussage von Mona und Walter soll es sich jedoch um den "Rollenspiel-Dokumentationsfilm des Jahrtausends" gehandelt haben. Shit happens. Zwischendurch kaufe ich mir noch ein Buch und gucke mir die wirklich großartigen Zeichnungen von Andreas Rexfort zu seinem System "Chroniken von Baal" an.
21:40. Noch zwanzig Minuten bis zum nächsten Programmpunkt. Mirco und ich texten den Grillmeister mit unseren Meinungen zu Superhelden-Kinofilmen voll und futtern dabei fettige Grillwürste. So langsam wird es kühler draußen.
22:03. Die große Tombola beginnt. Mona hat sich keine Lose gekauft und bekommt daraufhin eines von meinen geschenkt. Als sie bemerkt, dass die Gewinner teilweise von den Zuschauern mit Kommentaren bedacht werden, macht sie - schüchtern, wie sie nun einmal ist - jedoch einen Rückzieher und gibt mir das Los zurück. Mirco gewinnt einen Stapel alter "Ringboten" und kann sich vor Freude kaum noch einkriegen. Walter gewinnt drei (?) Preise und ist recht zufrieden. Ich selbst gewinne mit zwei Losen ein komplett spielbares Regelsystem zu "Midgard 1880" und das oben bereits erwähnte 32 € teure Regelwerk zu "Der letzte Exodus". Vier Lose zu insgesamt 2 € und zwei Gewinne - ich denke, dass ich damit einen recht guten Schnitt gemacht habe. Zufrieden nehme ich die neidischen Blicke der anderen Con-Besucher auf mich.
22:58. Während Walter einen entspannten Abend mit den PrO-Leuten wahrnimmt und an einer Lesung teilnimmt, entscheidet sich der Rest der RSCTler, es einmal mit einer Partie "Call of Cthulhu" zu probieren. Unser Meister, Christian Noack, ist ein echter Die-Hard-Conler und meistert an diesem Wochenende insgesamt sechs Mal. Respekt.
23:07. Die Runde ist mit 6 Leuten eigentlich schon voll, als ein etwas fülligeres Gothic-Mädel erscheint und auch noch gerne mitspielen möchte. Ein Blick auf ihr Dekolletee zwingt einige der anwesenden männlichen Mitspieler dazu, sich beim Meister dafür stark zu machen, dass sie doch noch einsteigen darf. Besagte Dame setzt sich neben Mirco, der das ganze aber gelassen nimmt. Nach einigen Minuten spielen sagt sie mir, dass ich einen coolen Akzent habe und woher ich denn käme. Ich sehe an meinem HSV-Fan-Shirt hinunter, auf dem groß "Hamburg" steht und antworte wahrheitsgemäß: Niederbayern.
Nee, just kidding. Natürlich antworte ich wahrheitsgemäß. So einen coolen Dialekt können natürlich nur echte Tornescher haben.
Sonntag
05:59. Holy Shit. Die Mutmaßungen unseres Meisters haben sich bewahrheitet und wir haben tatsächlich bis fast 6.00 Uhr ohne größere Pausen durchgespielt. Insgesamt haben wir ein spannendes, zum Teil auch unheimliches Detektiv-Abenteuer gespielt. Schade allerdings, dass die Übermüdung einigen doch mit der Zeit anzusehen war und die Zickigkeit einiger Mitspieler/innen gegen Ende doch schon sehr stark zunahm. Wir suchen unsere Schlafsäcke auf, wo Walter bereits seit einiger Zeit friedlich vor sich dahinschläft.
09.00. Hrmpfffff. Nach knackigen drei Stunden Schlaf werden wir geweckt. An diesem Tag soll nämlich der gesamte Con in ein anderes Gebäude, die "Burg" umziehen, so dass wir nicht allzu lange in den Federn bleiben können. Wir quälen uns also hoch, duschen und frühstücken und nutzen dann Walters blitzenden Ferrari, um zum Alternativ-Gebäude zu kommen.
09:40. Erneut sind es Mona, Mirco und ich, die an einer gemeinsamen Spielrunde teilnehmen, während Walter einen Raum entfernt sitzt. Wir haben uns für "Der letzte Exodus" entschieden, gemeistert von Jürgen Mayer. Grund hierfür ist vor allem, dass ich als stolzer Besitzer des Regelwerkes besagtes System in Zukunft wohl mal meistern werde.
14.52. Das Abenteuer ist beendet und hat den Spielertest erfolgreich bestanden. Besonderheit von DLE ist wohl, dass das Würfel durch das Ziehen von Pokerkarten ersetzt wurde - ein System, das sich in der Praxis als sehr angenehm und vor allem auch einfach erweist. Zudem gefällt die Zweiteilung der Charaktere in eine irdische Form und eine aus dem Reiche Eden, der Parallelwelt zu unserer. Mona und Mirco entscheiden sich spontan dazu, auch jeweils ein Regelwerk zu kaufen. Eine gute Entscheidung.
16:00. Der letzte Punkt des Rahmenprogramms beginnt: Die Versteigerung. Die angebotenen Artikel reichen von "Was soll ich mit dem Kram?" bis hin zu "WIEviel will der dafür haben?" Wir bieten für nichts und machen uns gegen halb fünf auf den Heimweg.
17:28. Gerade als Walter sagt, dass wir wohl recht früh in Hamburg sein würden, hält uns ein Stau auf der Autobahn auf. Da vor uns ein Wagen von der Fahrbahn abgekommen und komplett ausgebrannt ist, fahren wir einfach an der nächsten Ausfahrt ab. Wir landen mitten in der brandenburgischen Provinz bei Neuruppin. Gosh, wenn die Pygmäen aus "Die Götter müssen verrückt sein" jemals eine Colaflasche am Ende der Welt wegwerfen müssten - dann ganz bestimmt hier. Irgendwie kommen wir jedoch wieder auf die Autobahn zurück.
21:30 (ungefähr): Tornesch, du hast uns wieder. Heil kommen wir wieder in der Heimat an. Unterwegs stellen wir noch fest, dass "Marvellous Mirco Schubert and his amazing Bierpinsels" ein starker Name für ein Band wäre. Warum? Fragt besser nicht...
Fazit:
Mir der Odysee Con wirklich sehr gut gefallen. Auch im Vergleich zu dem eher "professionellen" Rat Con braucht sich diese Veranstaltung wirklich nicht zu verstecken. Gerade die Kreativität der unbekannten Spielsysteme ist es, die den Reiz dieser Veranstaltung ausmacht. Zur Organisation muss man sagen, dass diese - soweit ich das erkennen konnte - wirklich perfekt abgelaufen ist. Das gewählte Blocksystem sorgte dafür, dass man keine Probleme mit sich überschneidenden Spielrunden hatte. Zudem hoffe ich, dass wir bei diesem Con bereits einige Kontakte zu Leuten geknüpft haben, die sich eventuell breitschlagen lassen, auch unseren eigenen Con 2004 zu besuchen. Aber das wird die Zeit zeigen.
Also: Odysee 2003 - wer nicht dabei war, hat etwas verpasst!
Sven
