Der etwas andere Con-Bericht

Aus RSCT94

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21. bis 23. September 2003
RatCon


Zum Geleit... Dem einen oder anderen mag vielleicht beim Lesen auffallen, dass es sich bei dem nachfolgenden Text nicht um einen "gewöhnlichen" Con-Bericht handelt. Der eine oder andere mag von dieser "Rezension" etwas irritiert sein, aber ich habe mich bemüht, dem ganzen einen möglichst subjektiven Anstrich zu verpassen. Ich maße mir nicht an, einen für alle Spieler objektiven Bericht schreiben zu wollen, dazu sind wohl die Interessen zu verschieden.

Und bevor sich jemand Sorgen macht: Die Rahmenhandlung ist natürlich frei erfunden. Keine Angst, ich stehe nicht mit einem Bein im Gefängnis. Hoffe ich zumindest nicht.

Aber nun zum eigentlichen Bericht...

~switch~


Die Rat Con 2003

Wir befinden uns in einem spärlich möblierten Zimmer Fahles Neonlicht scheint auf einen grau-grünen Linoleum-Boden und der sanfte Charme der 70er spiegelt sich in den Büromöbeln wieder. Zweifelsohne: Eine Polizeiwache, und zwar das Hinterzimmer. Einer derjenigen Räume, die uns alltäglich in schlechten Krimis gezeigt werden und von denen wir denken, es gäbe sie überhaupt nicht.

Verkehrt gedacht. Es gibt sie.

Warum ich mir da so sicher bin? Nun, meine Überzeugung stützt sich im wesentlichen auf zwei Tatsachen. Zum einen: Können so viele Serien denn alle lügen? Vielleicht bin ich da ja etwas zu gutgläubig, aber irgendwie glaube ich noch an die Ehrlichkeit des Fernsehens. Wohl ein Fehler. Der zweite Punkt aber ist - gerade für euren kritischen Verstand - vielleicht noch überzeugender: Ich sitze nämlich gerade in einem solchen Raum.

Doch werfen wir zunächst einmal einen Blick zurück auf das, was sich vor wenigen Minuten ereignet hat. So in etwa ab dieser Stelle...


Freitag, der 19. September 2003

Kommissar Mahlmann, ein Mann unbestimmten Alters und vermutlich bereits bei der Gestapo eingestellt, ließ seinen massigen Körper rückwärts auf den viel zu kleinen Bürostuhl hinter sich fallen. Ein leises Knacken des morschen Holzes ertönte, aber wie immer verrichtete der Stuhl treu seine Arbeit, wie er es vermutlich Jahrzehnte zuvor auch schon getan hatte. Der Kommissar zündete sich fahrig eine Zigarette an und beugte den Oberkörper ein Stück nach vorne, so dass mein Blick genau auf seine beeindruckende Wampe fiel. Vermutlich das Ergebnis jahrelangen Bierkonsums, dachte ich mir.

"So... also, dann wollen wir doch einmal."

Er blickte mich direkt an. Wer ich bin? Nun, ich denke, dies ist für diesen Bericht eher sekundär. Stellt euch mich einfach als... hmmm... imaginären Ich-Erzähler vor. Diejenigen, die mich in natura kennen, werden euch bestätigen: Dies ist vielleicht die bessere Alternative.

Ich blinzelte ein wenig, als Kommissar Mahlmann seine Schreibtischlampe so drehte, dass sie mir direkt ins Gesicht schien und mich blendete. Er nahm dies mit einem bösartigen Grinsen zur Kenntnis.

"Also... wo genau waren sie am Freitag, den 19. Oktober 2003, gegen 14.00 Uhr?"

Ich widerstand dem Drang, unflätig zu werden und deute mit der rechten Hand, er solle die Lampe etwas tiefer stellen. Ich wusste nicht, ob er meine Geste zur Kenntnis genommen hatte, aber ein Einlenken seinerseits stand heute wohl nicht auf dem Programm. Ich nahm allen meinen Mut zusammen.

"Nun... das habe ich doch schon einmal gesagt. Können sie das nicht im Protokoll nachle..."

Er hämmerte seine Faust auf den Tisch. Der laute Knall ließ mich zusammenzucken. Mein Herz raste wie wild, während ich die Kaffeetasse beobachtete, die für einen Moment bedrohlich schwankte, aber nicht umkippte.

"Okay. Ich sage ja alles. S-so oft... wie sie wollen. Ich war gegen 14.00 Uhr mit dem Rucksack unterwegs zum Tornescher Bahnhof. Sie wissen - eine Station vor Elmshorn."

Mit einem Knurren, welches mich an einen Wolf erinnerte, notierte er sich meine Aussage. Dann blickte er mit seinen kleinen Schweinsaugen zu mir hoch.

"Haben sie dafür Zeugen?"

Aber natürlich hatte ich das. Ein vernünftiges Alibi ist schließlich das halbe Leben.

"Aber natürlich. Außer mir waren noch Julia, Mirco, Mirko, Nicolas und Wal... Stefan Unger dabei. Wir wollten..."

"Moment", unterbricht er mich, "das sind fünf Namen. Vorhin für das Protokoll sagten sie, sie seien zu siebt unterwegs gewesen. Ich merke, sie verstricken sich so langsam in Widersprüche..."

Nein, diesen Triumph wollte ich ihm nicht gönnen. So langsam gewann ich an Selbstsicherheit. Nun war ich es, der sich vorbeugte. Mit leisem Flüsterton sollte ihn meine Antwort bis ins Mark treffen.

"Falsch, der Herr. Carsten stieg erst am Bahnhof Hamburg-Dammtor hinzu. Allerdings erst eine ganze Weile später, da unsere Bahn Verspätung hatte und der Anschlusszug in Elmshorn nicht warten wollte."

Mit einem Grinsen lehne ich mich wieder zurück. Strike One.

"Nun gut. Ziel ihrer Reise?"

"Dortmund"

"Zu welchem Zweck?"

"Wollen sie das wirklich noch einmal alles wissen?"

Eine rein rhetorische Frage. Natürlich wollte er, was er mir mit einem Grinsen auch zu verstehen gab. Gelbe Zähne stachen mir entgegen. Der Mann sollte eindeutig die Zahnpasta wechseln.

"Ja."

"Okay... wie jedes Jahr ging es für einige Mitglieder des RSCT 94..."

Er notierte sich dieses Wort, als sei es der Name einer terroristischen Vereinigung. Ich sprach unbeirrt weiter.

"... zur Rat Con nach Dortmund. Genau genommen ins Fritz-Henßler-Haus unweit der Innenstadt. Für mich selbst ist es der dritte Besuch dort gewesen. Fast wie ein zweites zuhause, wenn sie mich fragen."

Oh-oh. Versucht niemals gegenüber einem alternden Polizisten witzig zu sein. Niemals. Er fuhr mich unwirsch an:

"Keine Witze! Wann sind sie angekommen?"

"Nun, durch die Verspätung der Bahn waren wir über eine Stunde zu spät da. Gegen kurz nach 19.00 müssen wir wohl dort aufgeschlagen sein."

Wieder kratzt sein Stift über das Papier.

"Beschreiben sie mir das Gebäude. Und die Leute, die dort gewesen sind."

"Ja, was soll ich dazu sagen? Das Henßler-Haus ist eine ehemalige Schule, die seit geraumer Zeit als "Haus der Jugend" für Veranstaltungen genutzt wird. Im Foyer-Bereich haben die Händler ihre Stände aufgebaut, außerdem ist dort unten der große Kinosaal, der auch für die meisten Vorträge und Workshops genutzt wird. Die Obergeschosse sind von ehemaligen Schulräumen belegt, in denen diverse Spielrunden abgehalten werden können. Eine große Treppe führt zum Untergeschoss, wo neben den Battle-Tech-Räumen auch eine Turnhalle zum Schlafen liegt."

"Haben sie dort geschlafen?"

"Nein!"

Niemals war ein "Nein" entschlossener als meines eben.

"Den Fehler habe ich vor zwei Jahren gemacht. Aber stellen sie sich das einmal vor: Eine große Turnhalle im Keller eines Gebäudes, in der gute zweihundert Menschen schlafen wollen. Da habe ich mir doch gesagt: Nix, nada, niente - ohne mich. Wir haben unsere Sachen erst einmal am Fuße der großen Treppe abgestellt und... und uns dann irgendwie in alle Winde zerstreut."

"Was meinen sie damit - zerstreut?"

"So ist das eben bei Conventions. Kaum ist man da, schon laufen sie alle in die verschiedensten Richtungen davon."

"Und was haben sie gemacht?"

"Ich bin erst einmal mit Nicolas, Mirco und Julia in die Stadt gezogen, da uns allen der Magen knurrte. Wie bereits erwähnt, liegt das Henßler-Haus wirklich sehr günstig, so dass man die wirklich große Innenstadt Dortmunds in nur wenigen Minuten zu Fuß erreichen kann. Wir sind dann wie im letzten Jahr natürlich bei Pizza Hut gelandet und haben uns erst einmal gestärkt. Und, ach ja, danach waren wir noch kurz ein paar Cocktails trinken."

Über Kopf erkannte ich, wie der Kommisar sich das Wort "Trinker" in seinen Unterlagen notierte. Als er bemerkte, dass ich offenbar neugierig war, verdeckte er seine Notizen mit der Hand. Er blickte kurz hoch und stellte die nächste Frage:

"Gut. Und danach sind sie zurück zum Henßler-Haus und haben in einer dieser... dieser "Spielrunden" teilgenommen?"

Ein kurzes Lachen konnte ich in diesem Moment nicht unterdrücken.

"Aber nein! Wenn das so einfach wäre! Die Organisation der Spielrunden auf der Rat Con war... nun ja... diplomatisch ausgedrückt... suboptimal."

"Bitte?"

"Na, zwar nicht katastrophal schlecht, aber auch nicht so gelungen, dass jeder restlos zufrieden sein könnte. Suboptimal eben."

Er notierte sich diese Wortschöpfung. Wahrscheinlich mit der festen Absicht, sie beizeiten im Duden nachzuschlagen. Ich nutzte diese Gelegenheit, um meinen Bericht fortzusetzen.

"Wie gesagt - an der Absicht, ab einer Spielrunde teilzunehmen, mangelte es bei mir nicht. Aber so oft ich auch an der Pinwand mit den ausgehängten Abenteuern vorbeiging - immer waren alle Runden, für die ich mich interessierte, schon komplett belegt. Nicht jeder kann das Glück von Julia haben und genau in dem Moment vor der Wand stehen, in dem eine Autorenrunde ausgehängt wird. Bei vielen der angehängten Runden konnte man leider auch nicht ersehen, um welches System es sich handelte oder wo diese überhaupt stattfanden. Also schlenderte ich eine ganze Weile durch das Haus, unterhielt mich mit ein paar Leuten und begutachtete die Stände."

"Nicht gerade das, was man einen gelungenen Start bezeichnen könnte, oder?"

Sein fieses Grinsen machte diesen Mann noch unsympathischer.

"So kann man es nennen. Gegen 23.00 Uhr gab es dann aber doch noch eine Beschäftigung. Mirko, der für den Abend ebenfalls keine Runde gefunden hatte, bot an, sein Abenteuer "Höhle des Seeogers" zu meistern. Damit konnte er dann auch gleich Mirco, Carsten und Nicolas beschäftigen, die ebenfalls 'auf dem Trockenen saßen'."

Kommissar Mahlmann horchte auf.

"Und was haben diese..."

Er blätterte kurz in seinen Unterlagen.

"... Julia und dieser Stefan währenddessen gemacht?"

"Julia befand sich wie bereits erwähnt in einer Autorenrunde. Stefan verbrachte diesen Abend wohl - wie das ganze Wochenende übrigens - wohl damit, seine Kontakte in der Rollenspieler-Szene auszubauen. Ich glaube, er hat insgesamt auf diesem Con 20 Minuten gespielt."

"Das tut nichts zur Sache. Wie lange waren sie an dieser Spielrunde beteiligt?"

"Nicht sehr lange. Um 0.30 Uhr habe ich die Gruppe verlassen, um..."

"Konspirativen Tätigkeiten nachzugehen?"

Ja, genau das wollte er wohl hören. Ich war drauf und dran, ihm etwas in der Richtung zu antworten. Ein Gedanke an die Folgen davon weckten in mir jedoch den Gedanken, es besser sein zu lassen.

"Nein. Da ich das Abenteuer gerne in einer etwas kleineren Gruppe im Verein spielen wollte, habe ich mich entschieden, noch einen kurzen Spaziergang durch die Stadt zu machen und dann meinen Schlafsack aufzusuchen. Das war etwa... muss wohl gegen 1:30 gewesen sein."

Seinem mürrischen Gesichtsausdruck entnahm ich, dass er mit dieser Antwort nicht ganz zufrieden war. Er blätterte kurz in seinen Unterlagen und setzte dann die muntere Fragestunde fort.


Samstag, der 20. September 2003

"Okay... erzählen sie mir, was sie am nächsten Morgen gemacht haben."

Man merke: das war keine Bitte, sondern ein Befehl. Ich tat, wie mir geheißen.

"Morgen...? Ach ja, sie meinen sicherlich die Zeit nach dem Aufstehen. Gegen 9.00 war ich aus dem Schlafsack, ging schnell unter die Dusche und frühstückte danach erst einmal gemütlich in einer Bäckerei in der Stadt. Um 10.00 stand dann der erste wichtige Termin auf meinem Plan: Hadmar von Wieser."

"Wer?"

Offensichtlich ein enger Vertrauter Osama Bin Ladens, Dude. Nein, das sage ich besser nicht.

"Hadmar von Wieser, seines Zeichens Romanautor und der sicherlich unterhaltsamste Entertainer im Fantasy-Bereich. Er bot einen Workshop zum Thema "Der Spieler: Das ultimative Monster" an. Wer schon einmal auf der Rat Con war, der kennt den typischen HvW-Vortrag: Der Kinosaal ist brechend voll mit Leuten gefüllt, die 2 Stunden bestens unterhalten wurden. Hadmar steht auf der Bühne und macht das, was er am besten kann: Reden, reden, reden, dabei die Zuschauer zum Lachen bringen und sogar einen sinnvollen Inhalt vermitteln. Respekt. Schön war auch der Running Gag mit Crush, dem Barbaren, der nun seit mehreren Jahren in Hadmars Workshops ein immer wiederkehrendes Element darstellt. Ich würde gerne einmal dessen Spieler kennenlernen..."

Der Kommissar notierte sich etwas. Scheint, als würde Crush, der Barbar, bald Besuch von der Polizei bekommen. Jeder ist verdächtig. Jeder.

"Glauben sie nicht, dass wir diese Verbindung nicht prüfen würden. Und wenn wir diesen Crush finden, dann..."

Er sprach nicht weiter, sondern ließ nur ein böses Grinsen folgen. Mit einem Nicken gab er mir zu verstehen, meinen Bericht fortzusetzen.

"Gleich um 12:00 stand der nächste Vortrag auf dem Programm. Florian Don-Schauen, Thomas Römer und Werner Fuchs gaben allerlei "Interna" der Firma Fanpro preis. Wichtig war den dreien besonders, herauszustellen, dass es sich bei Fanpro nicht um den Mega-Con handelt, als den die Firma einige sehen. Aber auch mit kleinen Mitteln lässt sich so einiges bewerkstelligen. Als der Workshop so gegen 13:30 Uhr beendet war..."

"MOMENT. Nicht so schnell."

Er kam mit dem Mitschrieben offenbar kaum mit. Aber wenn man nun einmal im Redefluss ist. Unbeirrt setzt ich fort.

"... sagte mir ein Blick auf die Uhr: Hey, jetzt hast du ausreichend Zeit, da kannst du ja mal was Essen gehen. Und das machte ich dann auch. Die Verpflegung im Henßler-Haus selbst war übrigens auch gut und vor allem günstig. Kurz danach folgte dann allerdings die Enttäuschung: Meine Spielrunde, die um 15:00 beginnen sollte, war auf einmal an der Pinwand nicht mehr zu finden. Scheinbar wurde sie abgesagt. Ich also gleich wieder in die Stadt, um irgendwo Fußball zu gucken."

"Und - wurden sie fündig?"

"In der Tat. Mitten in der Innenstadt war bei einem Café eine Leinwand aufgebaut, auf der das Spiel zwischen Stuttgart und Dortmund auf Premiere gezeigt wurde. So saß ich da also, genoss ein paar leckere Weizenbiere... und freute mich diebisch, als Stuttgart das Spiel gewann."

Er runzelte die Stirn.

"Sie waren für Stuttgart? Hielten sie das für eine gute Idee, mitten in der Dortmunder Innenstadt?"

"Ja. Blicke können nicht töten... und wenn doch, dann wäre es ein schneller und grausamer Tod für mich gewesen."

"Sie sind wirklich... seltsam."

"Dankeschön. Zurück im Henßler-Haus fand ich dann doch eine Runde für diesen Tag."

"Die da war...?"

"Eine Earthdawn-Runde, angeboten von einer Imke aus der Nähe von Oldenburg, wenn mich meine Erinnerung jetzt nicht trübt. Mit alten bekannten, denn auch Nicolas und Carsten hatten sich dort eingetragen. Ich konnte endlich wieder einmal meinen Schwertmeister spielen... und habe damit die Runde unfreiwillig gesprengt."

"Gesprengt? Aha. Jetzt kommen wir der Sache also näher. Sie geben also zu, dass sie verbotene explosionsartige Stoffe manipuliert haben, um..."

Ich fuhr ihm ins Wort.

"Nichts habe ich. Wir hatten schon eine Weile gespielt und zwischendurch eine Pause zum Döner-Holen und kurzen Cocktail-Trinken eingelegt, als ich einen bösen Fehler beging. Ganz im Sinne meiner zuweilen etwas extrovertierten Spielweise machte meine Spielweise ein paar... hmmm... Sprüche, welche die Standhaftigkeit einer fauligen Moorrübe betrafen und... na ja, sie ahnen es sicherlich schon... diese mit den Genitalien eines der anderen Spieler verglich. Talent "Verspotten". Oder "Standhaftigkeit". Es kam, wie es kommen musste: Die restlichen Mitspieler kugelten sich vor Lachen auf dem Boden... bis plötzlich einem davon das Blut aus der Nase spritzte."

"WAS?!"

Er war aus seinem Stuhl aufgesprungen und lehnte sich nun nach vorne übergebeugt mit beiden Händen an der Tischplatte fest. Auf seiner Stirn drohten einige Adern zu platzen.

"Uhh... also... ich weiß nicht... auf jeden Fall bekam der Spieler auf einmal starkes Nasenbluten. Das Zeug floss nur so heraus und wollte überhaupt nicht mehr aufhören. Der Blutverlust bekam dem Spieler überhaupt nicht gut und so musste sich erst einmal der herbeigerufene Con-Sanitäter um ihn kümmern. Übrigens sehr souverän, eine gute Organisation."

"So so... und sie meinen, damit ungestraft davonzukommen? Rechnen sie mit einer Anzeige wegen Körperverletzung!"

Er setzte er sich wieder. So langsam wurde mir die Sache wirklich unangenehm. Entschlossen setzt er nach:

"Haben sie danach noch weitergespielt?"

"Nein, natürlich nicht. Allerdings passte der Cut auch ganz gut, so konnte ich mir noch das Ende des "Herrn der Ringe 2" und "X-Men 2" im Kinosaal ansehen..."

"Gibt es dafür Zeugen?"

"Ja. Mirco war da und Nicolas auch. Den letzteren Film kannte ich sogar noch nicht, sehr empfehlenswert. Nun, als der dann zuende war, zeigte die Uhr bereits 5.00 Uhr an. Eigentlich wollten wir nur noch kurz an die frische Luft, als uns dann Robert Pfaff von Disaster Machine Productions über den Weg lief, den ich bereits beim Odyssee Con kennen gelernt hatte."

Er murmelte leise etwas vor sich dahin.

"Noch so ein verdächtiger Name. Ich denke, wir haben bereits eine Akte..."

"Er hat uns auf jeden Fall - ganz exklusiv sozusagen - die Vorab-Version des InSpectres-Rollenspieles gezeigt, die zur Spiele-Messe in Essen erscheinen soll. Wirklich eine sehr schöne Sache und ich hätte mich gerne länger damit beschäftigt, aber die Müdigkeit trieb uns dann doch irgendwann in den Schlafsack."


Sonntag, der 21. September 2003

"Weiter. Was passierte am nächsten Morgen?"

"Der nächsten Morgen... ja, ich erinnere mich. Ich hatte im Kinosaal zwischen zwei Sitzreihen geschlafen - Vorteil: Leise, schön kühl und dunkel - und wurde gegen 9.45 etwas unsanft geweckt, da sich schon die ersten Zuschauer für den nächsten Workshop auf den Sitzen breit machten. Kaum war ich wach und geduscht, als auf einmal Nicolas auf mich zukam: "Schnell, beim Multi-User-Shadowrun werden noch 5 Mitspieler gesucht!" Er zerrte mich also nach oben... und schwupps war ich auf einmal dabei."

"Shadowrun... Shadowrun... bei der Vernehmung vorhin gaben sie an, in ihrem Leben bisher ganze 3 Shadowrun-Abenteuer gespielt zu haben?"

"Right. 4 Jahre Erfahrung sozusagen, ein Charakter und 14 Karma. Ich war nun plötzlich und vollkommen unverhofft in diesem Shadowrun-Abenteuer... und muss sagen, dass es wirklich sehr viel Spaß gemacht hat, Es trug den Titel "Haus der Angst" und wurde vom sehr engagierten S.A.R.-Team geleitet. Teilweise hat es mich an eine Mischung aus "Einer flog über das Kuckucksnest" und einer bestimmten "Star Trek: TNG"-Folge erinnert. Alles in allem eine schöne Sache."

"Ein voller Erfolg also?"

"Ja. Nein. Will heißen: Jein. Mein Charakter ist leider - wie Carstens übrigens auch - während des Abenteuers verstorben, aber das tut weiter nichts zur Sache. Spaß hatten wir trotzdem. Das Abenteuer zog sich dann auch bis fast zum Schluss der Convention hin."

"Ich merke: Bis um 18:00 Uhr waren sie also beschäftigt."

"Sieht so aus. Wohl erstmals seit Freitag trafen wir 7 dann vor dem Gebäude alle wieder zusammen. Ab ging's in Richtung Bahnhof, dort bei McDonald's noch eine kleine Stärkung... und ab mit der Bahn nach hause."

"Verstehe. Wenn die Rückfahrt ohne Probleme verlief, dann waren sie so etwa um..."

"Nein."

Ich unterbrach ihn.

"Natürlich verlief die Rückfahrt NICHT ohne Probleme, wo denken sie hin? Die Bahn musste einen Umweg fahren und hatte dadurch fast eine Stunde Verspätung. Das hatte natürlich zur Folge, dass wir in Elmshorn wieder warten mussten... gegen 23:00 Uhr war ich dann aber doch zuhause. Müde, aber zufrieden..."

Ich grinste ihn an. Er blickte zurück, allerdings ohne Grinsen. An etwa dieser Stelle waren wir vorhin eingestiegen...

Dunkel blicken seine Augen in die meinen. Für einige Sekunden herrscht die beängstigende Atmosphäre der Unwissenheit. Niemand sagt etwas, eine drückende Stille liegt in der Luft. Wilde Gedanken kreisen durch meinen Kopf: Was will dieser Typ eigentlich von mir? Wird mir jetzt der Prozess gemacht? In was für einem kafkaesken Albtraum befinde ich mich überhaupt? Ich bin ganz in Gedanken, als mich die forsche Stimme Kommissar Mahlmanns hochschrecken lässt.

"Danke für ihre Aussage. Ich sehe, sie haben über das gesamte Wochenende ein Alibi. Ich denke, sie fallen als Verdächtiger aus. Scheint, als wären sie doch nicht der gesuchte Top-Terrorist, der uns die letzten Tage zur Hölle gemacht hat..."

Erleichtert atme ich aus. Scheinbar habe ich die Inquisition überlebt. Warum nur wollte dieser Mahlmann eine so genaue Aussage? Hätte ein einfaches "Nö, ich war mit ein paar Leuten in Dortmund. Wollen sie die Tickets sehen?" von mir nicht gereicht?

"Darf ich dann gehen?"

Langsam stehe ich auf. Irgend etwas drängt mich stark in Richtung Tür.

"Klar. Aber gestatten sie noch eines anzumerken..."

Was kommt denn jetzt noch. Genervt ziehe ich die Augenbrauen zusammen. Der Gesichtsausdruck des Polizisten hat sich vollkommen verändert.

"... sie hatten scheinbar eine Menge Spaß. Nun, wenn es nichts ausmacht... falls so alte Knacker wie ich da überhaupt gerne gesehen werden... vielleicht schaue ich im nächsten Jahr ja auch einmal vorbei. Beim Rat Con, sie wissen schon."

Ein kurzes Lachen, freundschaftliches Händeschütteln. Erleichtert gehe ich in Richtung Ausgang. Als die Tür hinter mir mit einem leisen Klicken ins Schloss fällt, fällt auch die gesamte Anspannung von mir ab. Die Hände tief in den Hosentaschen vergraben schlendere ich den Bürgersteig hinab...


Fazit

Was soll man zum Rat Con schon groß sagen? Diejenigen, die schon einmal da gewesen sind, für die hat sich eigentlich nichts geändert. Und denjenigen, die noch nie da waren, kann man eigentlich nur empfehlen: Geht da mal hin - es lohnt sich.

Aber um nicht vollends einen Lobgesang anzustimmen, seien gerade die nicht ganz so positiven Aspekte angeführt: Bei einer Veranstaltung dieser Größe bildet die Spielrundenorganisation natürlich immer ein Problem. Allerdings hätte man den Aushang und auch die Raumvergabe wesentlich verbessern können. Negativ ist auch anzumerken, dass es in diesem Jahr kein Programmheft gab und man daher immer auf die Aushänge angewiesen war. Auch die angebotenen Runden an sich beschränkten sich leider auf einige ausgewählte Standard-Systeme. Echte Exoten á la Odyssee-Projekt suchte man leider verblich. Schade.

Positiv hervorheben möchte ich das wirklich gute Workshop-Porgramm mit den zahlreichen prominenten Vortragenden. Fast die gesamte (ehemalige) DSA.-Riege war vertreten und stand den Spielern auch wirklich Rede und Antwort. Über die Qualitäten eines Hadmar von Wieder muss man hier nicht extra Worte verlieren, aber generell wirkten alle Teilnehmer sehr motiviert und nicht so, als müssten sie hier einen Pflichttermin wahrnehmen. Ebenfalls angenehm erwies sich wieder einmal das Gebäude und dessen perfekte Lage direkt an der Dortmunder Innenstadt.

Aus diesem Grund kommt jetzt auch wie im letzten Jahr der - abgewandelte - Spruch: RatCon 2004 - man sieht sich!

Sven

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