Blaue Mappe:Gesellschaft Cantarias
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Sozialstruktur
Die Gesellschaft Cantarias ist wie eine Pyramide aufgebaut. Ganz an der Spitze der Gesellschaft steht der Cant als unumsschränkter Herrscher über das Land und gottgleich verehrter Heiliger. Nach ihm kommt lange nichts, erst die verschiedenen Provinzherren können sich zumindest regional mit den Adligen anderer Reiche messen. Ihre Macht stützt sich dabei allerdings nicht allein auf ihre Erblinie: Zwar wurden ihren Familien meist vor etlichen Generationen vom Cant direkt die Macht über ein bestimmtes Teilgebiet des Reiches übertragen, allerdings kann es bei schlimmen Verfehlungen auch schon einmal dazu kommen, dass einer Familie die Herrschaft wieder entzogen und das Gebiet neu vergeben wird. Bevor dies allerdings geschieht, ist ein Provinzherr nahezu unantastbar, denn ihm Fehler anzulasten hieße gleichzeitig, dem unfehlbaren Cant einen ebensolchen anzukreiden - ein Vorwurf, der auf schnellstem Weg in die dunkelsten Kerker des Reiches führt.
Die allgemeine Oberschicht des Reiches bilden die Argonoiden. Es ist allgemein anerkannt, dass selbst der schwächlichste Argonoide vom Ansehen her noch über dem durchschnittlichen Menschen steht. Einzig Menschen (von Angehörigen anderer Völker einmal ganz zu Schweigen), die in ihrem Leben besondere Taten hervorgebracht haben oder bedeutende Reichtümer aufhäufen konnten, ist der Aufstieg in die Oberschicht gestattet. Im Allgemeinen bleiben die Argonoiden in den großen Städten aber lieber unter sich und räumen Außenstehenden bei wichtigen Entscheidungen allenfalls ein Anhörungsrecht ein.
Ein bestimmendes Merkmal das cantarischen Gesellschaft ist die vergleichsweise breite Mittelschicht. Dem durchschnittlichen Bürger des Reiches geht es vergleichsweise gut, echte Armut existiert nur selten, etwa momentan als Nachwehen des Krieges gegen die Inneren Lande. Aus diesem Grund schert sich der gemeine Bürger auch nicht großartig darum, was 'die Argonoiden da oben' an Entschlüssen treffen, er ist schon zufrieden, wenn er in Ruhe leben kann und sein tägliches Brot bekommt.
Besonders begeisterungsfähig sind die meisten Cantarier, wenn es um Fragen von nationalem Interesse geht. Trotz der großen Unterschiede ist man sich doch in einem sicher: 'Die da draußen (gemeint sind meist die alten Feinde aus den Inneren Landen) wollen uns unseren Reichtum nur wegnehmen, also müssen wir uns verteidigen'. Das dieses 'Verteidigen' oftmals in der Historie des Landes oftmals eher einem Sturmangriff als einer Defensive ähnelte, ignorieren Cantarier dann gerne. Aber was soll man schon machen, wenn der gottgleiche Herrscher zum Krieg aufruft?
Die unterste Schicht der Gesellschaft bilden die als minderwertig angesehenen Orks und Sklaven. Eine Leibeigenschaft im klassischen Sinne existiert nicht, allerdings werden Kriegsgefangene und deren Nachkommen wie selbstverständlich wie Gegenstände verschachert und müssen z.B. in den Minen des Landes arbeiten. Dies ist nach cantarischer Rechtsauffassung ein vollkommen normaler Umstand und den meisten Sklaven geht es auch relativ gut, denn niemand möchte das eingesetzte Geld verlieren, indem er einen Sklaven zu Tode schindet.
Sprache und Dialekte
Wie in den anderen Provinzen des Reiches spricht man in Cantaria auch die neuerdings 'Imperial' genannte Sprache, allerdings mit einer deutlichen Färbe in Klang und Betonung. Auf das ungeschulte Ohr wirkt der cantarische Dialekt dabei recht rauh, was insbesondere bei Eigennamen auffällt. Mag so mancher Fremder etwa den Fluß Golothwaith mit einem seltsamen Zischlaut am Ende aussprechen wollen, so nennt der Cantarier den Strom bei seinem wahren Namen - und der endet nun einmal mit einem scharfen -t am Ende.
Aber auch regional gibt es in Cantaria einige Unterschiede. Generell gilt, dass je weiter man nach Süden kommt, die Sprache 'albischer', d.h. weicher klingt, während sie im Norden starke Einschläge aus den Sprachen der Kener, Smills, ja sogar der Orks hat. Das sogenannte 'Hochcantarisch', also der Dialekt, der von den höheren Schichten gesprochen wird, entspricht etwa dem Dialekt aus der Region um Velinor - fast so, als wollte der Provinzler durch seine Aussprache beweisen, dass er aus der Hauptstadt des Reiches kommt.
Kultur und Kleidung
Das Leben stellt verschiedene Ansprüche an die Bewohner Cantarias. Dieses äußert sich für den Betrachter natürlich in erster Linie im Äußeren einer Person. Betrachten wir einmal den Tagesablauf verschiedener Bürger unseres Reiches:
Harun Menelion ist ein argonoidischer Tempeldiener in Velinor. Er lebt mit vier anderen Argonoiden - die er seine "Familie" nennt, obwohl dieser Begriff für Argonoiden nicht existiert - in einem kleinen Haus nahe des Zentrums. Nachdem er am Morgen aus seiner Meditation erwacht, mittels derer er über Nacht seine Energie regenerierte, begibt er sich wie jeden Tag auf den Weg in den Tempel. Er trägt dabei eine weiße Toga um seinen Körper geschlungen, wie es die meisten seines Volkes, die in den Städten leben, machen. Auf dem Weg schaut er noch einmal auf dem Markt vorbei, um Ausblick nach neuen Amuletten zu halten, die er begeistert sammelt.
Eine halbe Stunde später kommt er im Tempel an und bespricht zunächst mit den anderen Tempeldienern den Tagesablauf. Er ist heute für drei Messen und ein Beratungsgespräch eingeteilt, in welchem mit einem alten Argonoiden über dessen Todesangst spricht. Während seiner freien Zeit zieht er sich in die Bibliothek des Tempels zurück, um Bücher über Magie zu studieren. Nach zwölf Stunden kehrt er schließlich dem Tempel den Rücken. Sein Ziel ist eine Dichterlesung in der Oberstadt, in welcher ein stadtbekannter Poet aus seinen Werken liest. Es kommt zu einer heftigen Diskussion über die verschiedenen religiösen Ansichten, woraufhin Harun die Vorlesung vorzeitig verläßt. Der Tag endet wieder zurück in seinem Haus, wo er mit den anderen Argonoiden den Abend verbringt.
Von alledem kann Zoltan Feldsteller nur träumen. Er ist ein Kleinbauer aus der Nähe von Jyswik. Er lebt auf einem kleinen Gut mit wenigen Hektar Anbaufläche mehr schlecht als Recht vom Kartoffelanbau und ein wenig Vieh. Zwar ist er kein Landarbeiter, der für andere schuften muß, doch mit den Erträgen kann er seine Frau und die acht Kinder nur schwer ernähren, auch wenn der Boden fruchtbar ist und viel hergibt.
Schon früh am Morgen steht er auf, um die Kühe zu melken. Die vollen Kannen stellt er für seinen ältesten Sohn raus, der sie wie jeden Tag auf dem Markt in Jyswick verkaufen wird und dafür Brot vom Müller mitbringt. Dann geht es ans Bestellen der Felder, was fast den ganzen Tag in Anspruch nimmt. Da die Sonne vom Himmel brennt, zieht Zoltan sich sein wollenes Hemd aus, welches die Leute in der Stadt einen Lumpen nennen würden. Aber das stört Zoltan wenig, denn Mode ist für ihn ein Fremdwort. Eigentlich läuft er die ganze Woche in seiner einfachen Wollkleidung herum, ohne Schuhe oder Hut. Nur an besonderen Feiertagen trägt er die gute Leinenkleidung, die er noch von seinem Vater geerbt hat.
Nach der Feldarbeit und dem Essen geht Zoltan noch mit einigen anderen Bauern in den nahe gelegenen Gasthof, wo man selbstgebrannten Fusel trinkt und Pläne schmiedet, sich zu einer großen starken Gemeinschaft zusammenzutun, die es den Großgrundbesitzern einmal zeigen könnte. Stunden später wankt Zoltan nach Hause und dankt Mogo und Landa dabei für sein Leben. Er ist frei, hat eine Familie und erfreut sich bester Gesundheit. Was könnte das Leben mehr bieten?
Daladia starrte angestrengt in die Nacht. Schon seit Stunden harrte sie auf dem hölzernen Ausguck. Sie war von Anfang an alles andere als begeistert über den Befehl gewesen, diesen Abschnitt des Staatsforstes zu überwachen. Seit einiger Zeit trieben Wilderer hier ihr Unwesen, weshalb nun auch nachts Posten eingesetzt wurden. Aber wenn man sich der Garde verpflichtet hat, muß man auch solche Aufträge akzeptieren. Deshalb hatte sie gestern abend ihren Rucksack gepackt, ihre lederne Rüstung angezogen und ihren Bogen neu bespannt, um sich dann in diesen gottverlassenen Abschnitt des Waldes begeben, wo sowieso nichts passierte. Sie war kurz vor dem Einschlafen, als sie plötzlich ein leises Rascheln vernahm. Da! Nun konnte sie auch eine Gestalt erkennen, die sich geduckt am Rande der Lichtung bewegte. Zuerst war es nur ein Schatten, doch allmählich konnte Daladia einen Alben erkennen, der einen fetten Hasen über der Schulter trug. Es handelte sich also wirklich um einen Wilddieb. Angespannt tastete Daladia nach ihrem Bogen. Sie spannte die Sehne, legte einen Pfeil an und zielte auf den Alben. Es war schließlich ihr Befehl, jeden Wilderer als Abschreckung sofort zu erschießen. Aber sie zögerte. Hatte der Alb sie etwa entdeckt? Er schien sie in diesem Moment direkt anzusehen, obwohl das unmöglich war, denn der Ausguck war gut getarnt. Aber er sah sie wirklich an und er lächelte sie an. Die Gardistin ließ den Bogen sinken. Sie hatte zwar einen Befehl, aber sie würde diesen Alben nicht erschießen. Daladia lächelte ebenfalls, als der Wilderer mit seiner Beute wieder von der Lichtung verschwand.
Genervt ging Tarik noch einmal die Akten durch, die er eben bearbeitet hatte. Ein Blick auf seinen Chronographen zeigte ihm, daß er in kurzer Zeit Feierabend haben würde. Vor der Tür warteten sicher schon seine Freunde, mit denen er an diesem Tag noch ein Spiel der "Drachen von Velinor“ besuchen wollte. Ha! Sicher würden die heute wieder eine dicke Packung kassieren, aber dann hatte er wenigstens wieder einmal etwas zu lachen. Die Sonne brannte durch das Fenster, so daß Tarik den Kragen seiner schwarzen Uniform etwas öffnete, um besser Luft zu bekommen. Nur noch fünf Minuten, dann konnte er endlich seine enge Schreibstube verlassen. Tarik begann schon einmal seine Akten aufzuräumen, die sich auf seinem Schreibtisch stapelten, als ihm unvermittelt eine Akte in den Schoß fiel, die ihm vorher nicht aufgefallen war. Oh nein, nicht ausgerechnet jetzt! Hastig blätterte er die fast fünfzig Seiten Papier durch und was er sah gefielt ihm nicht, denn es bedeute noch eine Menge Arbeit. Wir wissen nicht, was Tarik durch den Kopf ging, als er den Entschluß faßte, die Akte unbesehen zu unterzeichnen. Wir wissen auch nicht, an was er dachte, als er sie mit den anderen in den schmalen Schlitz zu den anderen bearbeiteten Sachen zu stecken, bevor er im Laufschritt sein Büro verließ, um noch rechtzeitig zum Spiel zu kommen. Was wir jedoch wissen, ist, daß der Bote die Akte kaum eine halbe Stunde später zum Gericht brachte und dort in ein Fach legte. Auf diesem Fach stand in großen, schon etwas abgeblätterten Lettern:
Bedeutende Feiertage
Im Lande Cantaria werden in den unterschiedlichen Städten eine Vielzahl von lokalen Feiertagen zelebriert, die sich weitestgehend an alte Traditionen (Erntefest, Jahreswechsel), naturwissenschaftliche Gegebenheiten (Sommersonnenwende, Frühlingsanfang) oder aber lokale Gegebenheiten (Geburtstage wichtiger Persönlichkeiten, Gedenktage an große Schlachten) anknüpfen. Diese Vielzahl von Feiertagen an dieser Stelle aufzuzählen, würde jedoch den Rahmen dieses Berichtes sprengen und deswegen sei nur auf die drei wichtigste Feiertage eingegangen, die reichsweit Gültigkeit besitzen und gesellschaftliche Höhepunkte darstellen.
Der wichtigste Feiertag in Cantaria ist sicherlich der sogenannte Ankunftstag, der jeweils am zwölften Tage des dritten Monats eines jeden Jahres gefeiert wird. Er erinnert an jenen Tag im Jahre 3421 vGdR, an welchem der Cant als neuer Herrscher Cantarias auf die Erde zurückkehrte und damit die halb-mythologische Ankunft der Argonoiden einleitete. An diesem Tag feiert das ganze Land mit großen, fröhlichen Festen die glanzvollen Taten der Argonoiden und ihre weise Herrschaft über das Land. Kein Bauer oder Leibeigener muß an diesem Tag arbeiten, die Argonoiden veranstalten prunkvolle Feste, bei denen die Bewohner der Stadt mit Musik, Spiel und Tanz unterhalten werden.
Ein weiterer wichtiger Tag in Cantaria ist die "Enthüllung des Cants", welche auf das erstmalige Erscheinen des weisen Herrschers im Jahre 3999 vGdR zurückzuführen ist und alljährlich am Tage vor dem ersten Vollmond des zweiten Monates gefeiert wird. Zu Zeiten des kaltem Krieges mit den Inneren Landen war dieser Tag eine eher militärisch geprägte Veranstaltung, bei der nach der morgendlichen, ganze vier Stunden währenden Messe zu Ehren des Cants, allerorts große Militätparaden abgehalten wurden. Größte dieser Paraden war immer die große Parade von Velinor, bei welcher ein gewaltiger meilenlanger Heerwurm an der großen Ehrentribüne des Cants vorbeizog und diesem den Treueeid erneuerte. Seit der Gründung des Reiches der Tausend Nationen hat dieser Feiertag - sehr zur Freude der meisten Einwohner Cantarias - ein anderes Gesicht angenommen. Die Militärparade fällt deutlich kürzer und weniger protzig aus als zu früheren Tagen, stattdessen werden nichtmilitärische Wettbewerbe abgehalten, bei denen sich Wettkämpfer aus allen Teiles des gesamten Reiches miteinander im Laufen, Springen und zahlreichen anderen Wettkämpfen miteinander messen. Beendet wird der Tag meist durch die symbolische Übergabe eines goldenen Schwertes an einen besonders verdienten Teilnehmer dieser Wettkämpfe und die Ansprache des Cants an sein Volk.
Kommen wir abschließend zum jüngsten der drei großen Feiertage Cantarias, den Feierlichkeiten zu Ehren der Gründung des Reiches. Abgehalten wird dieser Tag in Cantaria immer am Tage des vorletzten Neumondes des Jahres, an dem Tage also, als der Cant persönlich die Botschaft von der Gründung des Reiches vom Balkon seines Palastes in Velinor verkündete. Besonders für die Menschen Cantarias ist dieser Tag der wichtigste Feiertag, da er wie kein anderer die Verbindung der Cantarier mit allen anderen Völkern der anderen Länder demonstriert. Allerlei fremdes Volk strömt an diesem Tag nach Cantaria und erfreut sich an den prächtigen Feierlichkeiten, bei denen Nicht-Cantarianer aus reiner Gastfreundschaft von den Einheimischen bewirtet und unterhalten werden und dafür ein Gastgeschenk mitbringen. An diesem Tag kommen auch etliche Herrscher anderer Nationen nach Cantaria und überbringen den Mächtigen des Landes ihre Präsente.
