Blaue Mappe:Der schwarze Fluss
Aus RSCT94
Müde und erschöpft hatte ich mir nun ja ein paar schier endlose Tage lang den Weg durch die Lava- und Gesteinswüste im äußersten Norden Vallands gebahnt, bis ich das von mir anvisierte Ziel meiner Reise erreichte, den "schwarzen Fluss", aber mein Verstand und ein ungutes Gefühl sagten mir sofort, dass ich diesem Fluss nicht näher als auf Sichtweite kommen sollte. Wie der Name schon sagt, hat dieses Gewässer die ungewöhnliche Eigenschaft, schwarzes, undurchsichtiges und übelriechendes Wasser mit sich zu führen.
Der Fluss entspringt in den Ausläufern einer Hügelkette des Val und fließt dann über etwa zwanzig Meilen träge und daimonisch stinkend dahin, bis er über eine Klippe in ein unendlich tiefes Loch fällt. Er ist eine unheimliche, viel besuchte Pilgerstätte für dunkle Magier, Nagalatisch-Anhänger und allerlei finstere Gesellen, die allesamt aus der dortigen daimonischen Atmosphäre ihren Vorteil zu ziehen suchen. Valländer umwandern dieses Gebiet grundsätzlich weiträumig und nur wenn es sich nicht vermeiden lässt, wird es so schnell wie möglich durchquert - und es lässt sich immer vermeiden!
Von denjenigen die den Mut hatten, mehrere Stunden an den Ufern des schwarzen Flusses zu verbringen, ist zu hören, dass sich dort bisweilen schaurigste Wesen, missgestaltete Tiere, Tote und sogar Daimonen aus den Fluten erheben, um von diesem Ort aus mit ihren acht Beinen, ledernen Schwingen oder sonst welchen Fortbewegungsmitteln ins Reich der tausend Nationen aufzubrechen und Unheil zu verbreiten. Der schwarze Fluss gilt daher auch als direktes Tor zur Unterwelt.
Im Jahre 65 nach Erk sandte der damalige Herrscher Vallands, Tab Bodir, eine dreifache Hundertschaft der fähigsten Gelehrten, Magier, Krieger und Priester aus, die diesem Fluss und seinem unheimlichen Treiben ein Ende setzen sollten. Als diese nach entbehrungsreicher Reise dort ankamen, wurden sie bereits von einem einsam vor dem Fluss hockenden schwarzen Wolf erwartet. Die mutige Schar näherte sich weiterhin vorsichtig, lediglich ein junger Knappe blieb aus Furcht zurück. Dieser konnte dann beobachten, wie aus dem Körper des Wolfes, kaum dass die Schar auf Bogenschussweite heran war, unzählige dunkle Schatten herausfuhren, die sich mit wildem Geheul auf die überraschte Gruppe stürzte und mit unvorstellbarer Grausamkeit unter ihnen wütete. Bis die Schatten schließlich mit vereinten Kräften zurückgeschlagen werden konnten, waren schon etwa die Hälfte der dreihundert Leute gefallen.
Kaum dass sie sich von diesem Schrecken erholt hatten und mit voller Kraft zu einem Gegenangriff auf den Wolf ausholen wollten, stieg aus dessen Rachen eine immer größer werdende schwarze Wolke auf, die ziemlich schnell alle der verbliebenen Valländer umhüllte. Schreckliche Schmerzensschreie drangen aus dem Inneren, bis schließlich ein aus der Wolke herausgeschleuderter Aikener Wettermagier in einer verzweifelten Aktion eine Orkanböe herbeirief, die das schwarze Ungetüm zu zerstreuen vermochte, allerdings auch etliche der schwerverletzten Valländer in Q-Bas Reich sandte. Nur etwa zwei Handvoll der tapfersten und stärksten Mitglieder der ursprünglichen Gruppe der Dreihundertschaft hatte diesen erneuten Angriff überstanden.
Von seiner erhöhten Position konnte der Knappe beobachten, wie sich nun der schwarze Wolf langsam und bedächtig in Bewegung setzte und auf die, wie zu Stein erstarrt dastehenden, Überlebenden zuging und einem nach dem anderen genüsslich die Kehle zerfleischte, ohne dass auch nur ein Schmerzensschrei erfolgte oder ein Fluchtversuch stattfand. Schließlich wandte sich der Wolf in Richtung des inzwischen völlig verängstigten, zusammengekauerten und innig um Rettung betenden Knappen. Als der Knappe den dunklen Schatten über sich auftauchen sah, entwich aus ihm alle Hoffnung mit dem Leben davon zu kommen. Doch zu seinem Erstaunen hörte er den schwarzen Wolf folgendes sprechen: " Ich bin Grandon, der schwarze Wolf, Bote und Vertrauter Nagalatischs. Geh und sage deinem Herrscher, dass dieses Heiligtum für ihn und seine lächerlichen Heerscharen tabu ist. Sollte er es jemals wagen, eine weitere Schar zu entsenden, wird Valland mehr als nur eine Dreihundertschaft an Bewohnern verlieren. Damit du meine Worte nicht vergisst, werde ich sie dir in die Haut brennen, damit sie selbst nach deinem Tode noch als Mahnmal für alle zukünftigen Herrscher dienen können." Und so geschah es.
Der Knappe kehrte zurück nach Aiken und berichtete von dem schrecklichen Ausgang der Mission der Dreihundertschaft. Unmittelbar danach verstarb er und Tab Bodir ließ ihm die Haut abziehen, die seitdem ständig zur ewigen Erinnerung in einem Rahmen gegenüber dem Fürstenthron hängt. Nie wieder hat es jemand gewagt, die Vernichtung dieses Tores zur Unterwelt in Angriff zu nehmen, nicht einmal die Eisalben. Auch ich hielt es daher für eine gute Idee, mir dieses dämonische Werk nur aus der Entfernung anzusehen und dann zielstrebig auf Rique zuzusteuern.
